The Theodor Kramer Prize 2013 Awarded to Margit Bartfeld-Feller

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The Theodor Kramer Prize of the Theodor Kramer Society is awarded to authors writing in a context of resistance or exile. The Holocaust memoirs of Margit Bartfeld-Feller, born on March 31, 1923 in Czernowitz, deported in 1941 to Siberia and emigrated to Israel in 1990 became known to a broad public. Margit Bartfeld-Feller gets in line with other famous prize winners, some of them from Czernowitz, such as

2001: Stella Rotenberg
2002: Alfredo Bauer und Fritz Kalmar
2003: Fred Wander
2004: Michael Guttenbrunner
2005: Georg Stefan Troller
2006: Milo Dor (postum) und Robert Sommer
2007: Jakov Lind
2008: Tuvia Rübner
2009: Ilana Shmueli und Josef Burg
2010: Elazar Benyoëtz
2011: Ruth Klüger
2012: Eva Kollisch
2013: Manfred Wieninger

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Article on the prize award ceremony, published in the Decemer 2013 edition of Zwischenwelt

selmal Kopie
„Ich möchte leben“
Selma Meerbaum-Eisinger, 1924 – 1942

Laudatio für Selma Meerbaum-Eisinger
und Margit Bartfeld-Feller
und Rezension
von Christel Wollmann-Fiedler, Berlin

„Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten haben
Und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein,
Das Leben ist rot.
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein,“
ist eines der berührenden, ergreifenden siebenundfünzig Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, dem jungen Mädchen aus Czernowitz, das 1941 mit ihrer Familie in ein Todeslager nach Transnistrien deportiert wurde und 1942 dort unter unmenschlichen Verhältnissen mit 18 Jahren an Entkräftung und Typhus starb. Am 7. Juli 1941 schrieb sie dieses Gedicht unter großen Ängsten, bereits Todesängsten. Professor Dr. Peter Rychlo der bekannte und wichtige Literaturkenner an der Czernowitzer Universität schreibt darüber in seinem Vorwort in dem frisch gedruckten Büchlein von Margit Bartfeld-Feller „Selma Meerbaum-Eisinger, 1924 – 1942 – Erinnerungen ihrer Schulfreundin“. Im Februar 2014 würde Selma 90 Jahre alt werden. Eine  wunderbare und wichtige Hommage an die Schulfreundin ist das Büchlein, das Professor Wiehn in Konstanz herausgegeben hat.

Margit Bartfeld-Feller die Autorin und Schulfreundin von Selma Meerbaum-Eisinger wurde 1941 mit den Eltern und dem Bruder Otti bei Nacht und Nebel aus Czernowitz von den Sowjets nach Sibirien in die Taiga deportiert. Stalin, der Tyrann, befahl diese Untaten. Juden, Intellektuelle, Fabrikanten und politisch Andersdenkende  wurden vom Estland bis ans Schwarze Meer in Viehwaggons gepfercht, nordöstlich in Richtung Sowjetunion transportiert und weiter auf Schiffen nach Sibirien zum Schwerstarbeiten verschleppt. „Verrecken“ sollten sie, war Stalins Befehl! Margit war jung, gerade 18 Jahre alt, ihr Bruder jünger. In Czernowitz in der Bukowina wurde Margit Bartfeld 1923 geboren, ging dort zur Schule,  für Literatur und Musik begeisterten sie die Eltern. In  Czernowitz, der Stadt  Rose Ausländers und Paul Celans, lebte Margit in Geborgenheit. Noch bevor Hitlers Schergen in die Bukowina kamen, ließ Stalin die erwähnten Bewohner abholen und schickte sie zum Sterben durch Hunger und unmenschliche Lebensverhältnisse in die Taiga an den Vasjugan. Ein schreckliches Leben erwartete die Deportierten dort. Wie Fliegen starben sie.

Margit überlebte diese Untaten,  gestaltete ihr Leben in der Verbannung, über fünfzig Jahre in Sibirien, bis sie in den 1990iger Jahren ins Gelobte Land, ins Land der zehn Gebote, in Israel einwandern durfte. Renee Abramovici-Michaeli, die dritte der Klassenkameradinnen im Bunde, begegnete sie in Israel. Renee hatte die Gedichte von Leiser Fichman übernommen, der auf der Flucht nach Palästina ertrank. Auf Umwegen durch Europa gelangten durch sie diese Sehnsuchts- und Liebesgedichte nach Israel. Hersch Segal, der ehemalige Mathematiklehrer aus Czernowitz, gab im Privatdruck 1976 in Israel die  „Die Blütenlese“ von Selma Meerbaum-Eisinger, heraus. Bereits als fünfzehnjährige Schülerin war Selma eine Dichterin. Erst 1980 kamen Selmas Gedichte in Deutschland an und wurden von dem Schriftsteller und Journalisten Jürgen Serke herausgegeben. „Damit begann Selmas Weg in die Weltliteratur“ bemerkt Serke. Eine Bereicherung der deutschsprachigen jüdischen Lyrik in der Bukowina, in Czernowitz, sind diese Gedichte allemal. Ein Fundus von unermesslicher Bedeutung!

„Selma gibt mir Kraft“ ist das leidenschaftliche Bekenntnis von Margit Bartfeld- Feller zu Beginn des Büchleins. Die Autorin schrieb sich seit ihrer Einwanderung an die Levante, nach Israel, die Vergangenheit von der Seele und nun zum 90. Geburtstag die Begegnungen und Erlebnisse mit der Schulfreundin Selma Meerbaum-Eisinger in der Geburtsstadt am Pruth, in Czernowitz. Vertont wurden die Gedichte von Selma in unterschiedlichen Variationen, zum Theaterstück gewandelt, in wichtigen Anthologien erschienen sie und unterschiedliche Herausgeber nahmen sich dieser Gedichte eines jüdischen Mädchens an ihren Freund „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ in den Jahren an. Gelesen und vorgetragen wurden diese zauberhaften Liebesgedichte in künstlerischen Interpretationen, auch von der Berliner Schauspielerin Tatjana Blacher in der Stubengalerie in Berlin-Grunewald und von Iris Berben im Jüdischen Museum in Berlin zur Vorstellung und Herausgabe der großen Anthologie von Herbert Schmidt in einem Düsseldorfer Verlag.

Selma Meerbaum-Eisinger, die junge Protagonistin, um die es in dem Erinnerungsbuch von Margit Bartfeld-Feller geht, wurde 1924 in Czernowitz geboren, der Vater Max Meerbaum starb als sie zwei Jahre alt war. Die Mutter heiratete Leo Eisinger. Die deutsche Wehrmacht und die rumänischen Truppen besetzten 1941 Czernowitz und Selma kam mit den Eltern ins Czernowitzer Ghetto und kurz darauf wurden sie zusammen nach Transnistrien, jenseits des Bugs, in Arbeits- und Todeslager deportiert. Selma starb im Lager Michailovka am 16. Dezember 1942, die Eltern wurden in einem anderen Lager erschossen. Über die mütterliche Familie war Selma mit Paul Anchel (Celan) verwandt.

Im Jahr 2004 wurde eine Gedenktafel in Czernowitz am Wohnhaus der Eisingers zum Gedenken an die junge Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger angebracht und Iris Berben, die bekannte deutsche Schauspielerin schrieb zum zweisprachigen Gedichtband der „Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund“, in deutscher und ukrainischer Sprache, ein Vorwort und Peter Rychlo der Literaturkenner ein Nachwort. Der Band erschien 2012 in Czernowitz,  der früheren K& K Monarchie, der Stadt, die 1918 zu Rumänien kam, 1945 sowjetisch und 1991 nach der Öffnung der Grenzen in Europa ukrainisch wurde.

Beiträge und Erinnerungsszenen von Peter Rychlo,  Erhard Roy Wiehn, Elisabeth Rosenfelder, Gesine Keller, David Klein und Jürgen Serke sind im Büchlein enthalten. Ein paar Erinnerungsgrüße von Margit Bartfeld-Feller an die 2003 gestorbene Schulfreundin Renee Abramovici-Michaeli s.A. zum Gedenken wurden ebenfalls gedruckt und nicht zuletzt ein berührender  Dankesbrief von Franziska Kurze aus Deutschland an Margit Bartfeld-Feller. Der Theodor Kramer Literaturpreis wurde im September 2013 der Schriftstellerin Margit Bartfeld-Feller in Österreich überreicht.

Tragik

Das ist das Schwerste: sich verschenken
Und wissen, dass man überflüssig ist,
sich ganz zu geben und zu denken,
daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.

Das Gedicht hat Selma am 23.12.1941
Geschrieben und mit rotem Stift hinzugefügt:
Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben…*)

Wie verzweifelt muß dieses Mädchen in dieser Stunde gewesen sein?

*) Aus Selma Meerbaum-Eisinger, “Ich bin in Sehnsucht eingehüllt”, Hrsg. Jürgen Serke, Fischer, 1984

Christel Wollmann-Fiedler
Berlin, Januar 2014

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