02/15/14

She [Sonja Jaslowitz] did not survive to have her history recorded…

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During a lecture on “The Concept of Postmemory”, Marianne Hirsch raised the question to an intimate audience in Doheny Memorial Library in L. A. on April 25, 2013: “She [Sonja Jaslowitz] did not survive to have her history recorded, but we have her testimony in the form of her poems, but what are we to do with them?” – Click here for the full article at Daily Trojan.

In addition, Marianne Hirsch brought to us Judith Aistleitner’s and Marianne Windsperger’s (German) article on “Die Poesie der Sonja Jaslowitz” [Sonja Jaslowitz's Poetry], published in the December 2013 edition of Zwischenwelt (Click on the logo for the full article!).

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Marianne Hirsch: “Sadly, this article came out after the death of Harry Jarvis, I wish he could have seen it! At least he did get to see the four poems Florence published in French. I am still working on publishing her Romanian poems in Romania. I have also asked Marianne Windsperger to correct the facts here — Sonia and her parents were in Cariera de Piatra before they were relocated to Tiraspol.”
01/26/14

Lecture by Prof. Peter Rychlo

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Dear friends,
On Tuesday we went to a lecture held by Professor Rychlo from the
University of Czernowitz, from the beginnings of the city, its history,
its culture, with special emphasis to the Jewish literary scene,
starting with Margul-Sperber, Kittner, Rose Ausländer, and continuing
until the younger generation, i.e. Weissglas, Celan, the Yiddish poets
Itzhik Manger and Eliezer Steinbarg.
The lecture took place in a beautiful book-store, with a huge variety of
classical and modern literature. Two days later, Peter Rychlo continued
his tour with a similar lecture at the Jewish Community Center, which he
held in Russian, probably to a public of many ex-Czernowitzers who
emigrated in the past 20 years to Berlin.
Gabriele
06/11/13

Three Poems by Klara Blum aka Zhu Bailan

Jung-Czernowitz

Da, wo die Gäßchen sich zusammenzogen,
Der Witz das eigne Unglück höhnte wild,
Wo sich der Armen Rücken keuchend bogen,
Die Not sie an den Schläfenlocken hielt-

Wo ich einst stand in tobenden Gedanken,
Die Stirne angepreßt dem Mauerstein,
Wirr, achtzehnjährig, doch schon ohne Wanken,
Entschlossen, mir zu folgen ganz allein-

Da steht nun, achtzehnjährig, eine zweite,
(Ich sah sie nie und seh sie dennoch gut.)
Ihr Auge überglänzt die freie Weite,
Der Weite Glanz auf ihrer Stirne ruht.

Schlank die Gestalt und stürmisch die Gebärde,
Die Brauen grüblerisch, gebräunt die Hand.
Aus ihrer Stimme tönt die Heimaterde,
Befreites, völkerbuntes Buchenland.

Du hörst darin der Doina Wohllaut klingen,
Treuherzig summt dazu ein Schwabenlied,
Es rauschen der Ukraine Sturmeschwingen,
Indes der Judenscharfsinn Funken sprüht.

Da, wo die Armen einst in Ghettogassen
Dem Brot nachspürten, listig, ängstlich-dreist,
Da greift sie heut zur Arbeit, stolz gelassen
Und ruhig, stolz entfaltet sich ihr Geist.

Wo im Kasino bunte Lichter lohten:
“Ihr seid zur Schmach bestimmt, drum haltet still”,
Wo mich der Heiratsmarkt einst feilgeboten,
Da wählt sie heut zum Gatten, wen sie will.

Die Buchen wiegen ihre Vogelnester,
Der frische Pruth die freie Stadt umfließt-
Gegrüßt sei, schöne unbekannte Schwester,
Du junges Czernowitz, sei mir gegrüßt.

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Czernowitzer Ghetto

I
Die alten Gäßchen ziehn sich eng zusammen.
Der Boden hinkt und holpert im Zickzack.
Aus schweren Leuchtern zucken kleine Flammen.
Der Witz treibt mit dem Unglück Schabernack.

Die Augen funkeln, doch die Wangen blassen,
Der Kaftan reißt, die Schläfenlocke bebt,
Wenn, halb erstickt in seinen Pariagassen,
Ein Volk noch stöhnend, höhnend weiterlebt.

Die Mauer fiel vor mehr als hundert Jahren,
Und dennoch blieben sie im dumpfen Nest.
Das Elend hielt sie an den Schläfenhaaren
In ihrem engen alten Ghetto fest.

II
Für manche schlug die Befreiungsstunde
- Sie waren einflußreich und satt und breit -,
Da lobten sie den Herrn aus vollem Munde
Und lobten ihre aufgeklärte Zeit.

Sie zogen vornehm in die Gartenstraßen
Zur Nachbarschaft mit Oberst und Bojar.
Man mißt sie nicht mit den gewohnten Maßen.
Sie sind “zwar” Juden, aber – annehmbar.

Bunt leuchtet abends der Kasinogarten,
Und die Kapelle spielt rumänisch heiß,
Blasiert betrachten sie die Speisekarten,
Sie sind ein lauter, selbstbewußter Kreis.

Es klingt ihr Deutsch zerdehnt, verfärbt, verbogen,
Geflickt mit Slawentrotz, Romanenglut,
Buntscheckig Narrendeutsch, von Leid durchzogen,
Vergessnem Leid, das fern im Ghetto ruht.

Die alte Klage dehnt noch ihre Sprache,
Pogrom und Schimpf und Wandern ohne Rast.
Doch längst vergaßen sie schon Groll und Rache,
Und der Feudalherr ist ihr lieber Gott.

Sie sitzen da, sie nehmen ihn zum Muster,
Ihr Stolz wird schwach, die Arroganz erstarkt,
Sie sind ein Kreis, ein lauter, selbstbewußter,
Sie sind ein schamlos lauter Heiratsmarkt.

Was soll ich tun? Kann ich den Lauf nicht ändern?
Mein vorbestimmter Gatte sitzt vor mir.
Und drüben, aus den dunklen Augenrändern,
Da starrt und starrt der blaue Offizier.

Man sagt ihm nach, er jagt nach leichten Freuden,
Man sagt, er kommt und sieht und spielt den Herrn,
Man sagt, er kann wohl keine Juden leiden,
Doch ihre Frauen, sagt man, nimmt er gern.

Die Fraun, die in den Gartenstraßen wohnen -
Leer ist ihr Leben, ein geputzter Zwang.
Sie girren laut, sie suchen Sensationen,
Wohin denn sonst mit ihrem Tatendrang?

Und die Musik spielt auf mit heißem Klingen
Und dringt betäubend in die Sinne ein,
Ich hab geträumt, einst Großes zu vollbringen,
Und so – und so wird nun mein Leben sein.

Zuerst gewiß der legitime Gatte
Und dann der Advokat, der kluge hier,
Und dann Papas Geschäftsfreund, dieser glatte,
Und dann – dann kommt der blaue Offizier.

Ich bin vom Tische plötzlich aufgesprungen
- Zum Glück gibt niemand in dem Lärmen acht -,
Ich renne, renne mit gehetzten Lungen,
Ich renne meine Antwort durch die Nacht.

III
Die halbe Stadt hab ich im Zorn durchlaufen.
Ich bin am Ziel. Gleichgültig scheint der Mond
Auf einen dunklen morschen Häuserhaufen,
Darin bedrückt, erstickt der Paria wohnt.

Die alten Gäßchen ziehn sich eng zusammen,
Der Boden hinkt und holpert im Zickzack:
Plebejerwiege, der wir doch entstammen,
Wir im Kasino, protzenhaftes Pack.

Was sind wir? Abklatsch von feudalen Puppen,
Hier aber ringt und grübelt und erkennt,
Genährt, gereizt von ihren Bettelsuppen,
Die Kraft, die einst die Welt ihr Eigen nennt.

Es schärft sich gut die Logik dem Genarrten,
Das Rechtsgefühl dem, der ein Unrecht litt.
Heiß brennt der Stolz des Menschen, den mit harten
Gespornten Stiefeln man zu Boden tritt.

Ich bin dein Kind, du alte Judengasse,
Und lern aus allem, was mein Volk erfährt.
Stark, wenn ich denke, stärker, wenn ich hasse,
Aus jeder Schwäche schmiede ich ein Schwert.

Lehr du mich, lehr, von hier mich loszuringen,
Mühsal zu tragen, Hunger, Krankheit, Leid
Und alle Fragen, alle zu bezwingen
Allein mit meiner wilden Redlichkeit.

An deine Mauer drück ich meine Stirne.
Von heute an gehorch ich mir allein.
Folg meiner Galle. Folge meinem Hirne.
So geh ich recht. Es kann nicht anders sein.

pbooooz

Der Wunderrabbi von Sadagura

Man raunt: er kann Geburt und Tod erzwingen,
Auf einem Tüchlein fährt er übers Meer,
Sein Lächeln wird dir Glücksgeschäfte bringen,
Sein Zornesblick macht deine Taschen leer.
Man geht zu ihm mit Klagen und Beschwerden,
Verlassne Fraun und Händler vorm Bankrott.
Es ist nicht leicht: von ihm empfangen werden.
“Ein andermal, der Rabbi spricht mit Gott.”

Sein Haus ist voll von altem, schwerem Prunke,
Der Sabbathleuchter glänzt vor Kostbarkeit,
Kunstvolle Becher neigen sich dem Trunke,
Und sein Gebet, es trägt ein seidnes Kleid.

Er lehnt am Fenster mit gefurchter Stirne.
Es zittert leise sein gepflegter Bart.
Er weiß: Nicht mehr gehorchen ihm die Hirne
Wie einst, durch seine bloße Gegenwart.

Sie gehn vorbei mit hohnverhaltnen Gesten,
Die Kränkung sticht, der fromme Rausch bleibt aus.
Er sieht nicht mehr wie einst in allen Ästen
Die Zeichen der Kabbala, alt und kraus.

Am Horizont, mit violetten Spitzen,
In wilder Schönheit die Karpathen ziehn.
Er weiß von Liedern und er weiß von Witzen,
So spricht man und so singt man über ihn.

Man sagt: tief kann er in die Zukunft schauen,
Ob wahr, ob falsch – bewundert seinen Blick!
Man singt: er heilt die kinderlosen Frauen,
Das tut er gern, das weist er nie zurück.

Es reckt sich hügelig die enge Gasse,
Ein Kind ruft Czernowitzer Blätter aus,
Dort drüben wohnt der Schuster Reb Menasse,
Das ist sein armes, morsches, kleines Haus.

Er hockt vertieft auf seinem Schemelsitze.
Er liest. Der Rabbi kneift die Augen ein.
Er weiß, der macht die allerschärfsten Witze.
Was für ein Buch mag da sein Buch wohl sein?

Ein dickes Buch. Er kaut die schweren Sätze.
Er kommt in Schwung. Er wiegt sich hin und her.
Er prüft und wendet die Gedankenschätze.
Er hat begriffen. Mehr und immer mehr.

Sein Daumen schwingt, der Logik froh, ins Leere.
Er beugt sein heißvergrübeltes Gesicht
Aufs Buch hinab, als ob’s der Talmud wäre.
Der Talmud, Rabbi, aber ist es nicht.