{"id":6623,"date":"2013-06-11T19:06:29","date_gmt":"2013-06-11T17:06:29","guid":{"rendered":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/?p=6623"},"modified":"2013-06-11T19:06:29","modified_gmt":"2013-06-11T17:06:29","slug":"two-poems-by-klara-blum-aka-zhu-bailan-aka-%e6%9c%b1%e7%99%bd%e8%98%ad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/?p=6623","title":{"rendered":"Three Poems by Klara Blum aka Zhu Bailan"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jung-Czernowitz<\/strong><\/p>\n<p>Da, wo die G\u00e4\u00dfchen sich zusammenzogen,<br \/>\nDer Witz das eigne Ungl\u00fcck h\u00f6hnte wild,<br \/>\nWo sich der Armen R\u00fccken keuchend bogen,<br \/>\nDie Not sie an den Schl\u00e4fenlocken hielt-<\/p>\n<p>Wo ich einst stand in tobenden Gedanken,<br \/>\nDie Stirne angepre\u00dft dem Mauerstein,<br \/>\nWirr, achtzehnj\u00e4hrig, doch schon ohne Wanken,<br \/>\nEntschlossen, mir zu folgen ganz allein-<\/p>\n<p>Da steht nun, achtzehnj\u00e4hrig, eine zweite,<br \/>\n(Ich sah sie nie und seh sie dennoch gut.)<br \/>\nIhr Auge \u00fcbergl\u00e4nzt die freie Weite,<br \/>\nDer Weite Glanz auf ihrer Stirne ruht.<\/p>\n<p>Schlank die Gestalt und st\u00fcrmisch die Geb\u00e4rde,<br \/>\nDie Brauen gr\u00fcblerisch, gebr\u00e4unt die Hand.<br \/>\nAus ihrer Stimme t\u00f6nt die Heimaterde,<br \/>\nBefreites, v\u00f6lkerbuntes Buchenland.<\/p>\n<p>Du h\u00f6rst darin der Doina Wohllaut klingen,<br \/>\nTreuherzig summt dazu ein Schwabenlied,<br \/>\nEs rauschen der Ukraine Sturmeschwingen,<br \/>\nIndes der Judenscharfsinn Funken spr\u00fcht.<\/p>\n<p>Da, wo die Armen einst in Ghettogassen<br \/>\nDem Brot nachsp\u00fcrten, listig, \u00e4ngstlich-dreist,<br \/>\nDa greift sie heut zur Arbeit, stolz gelassen<br \/>\nUnd ruhig, stolz entfaltet sich ihr Geist.<\/p>\n<p>Wo im Kasino bunte Lichter lohten:<br \/>\n\u201cIhr seid zur Schmach bestimmt, drum haltet still\u201d,<br \/>\nWo mich der Heiratsmarkt einst feilgeboten,<br \/>\nDa w\u00e4hlt sie heut zum Gatten, wen sie will.<\/p>\n<p>Die Buchen wiegen ihre Vogelnester,<br \/>\nDer frische Pruth die freie Stadt umflie\u00dft-<br \/>\nGegr\u00fc\u00dft sei, sch\u00f6ne unbekannte Schwester,<br \/>\nDu junges Czernowitz, sei mir gegr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/793439-d9b0592d7beed2fa0150b2f32a55ea27.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6677\" alt=\"793439-d9b0592d7beed2fa0150b2f32a55ea27\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/793439-d9b0592d7beed2fa0150b2f32a55ea27.jpg\" width=\"275\" height=\"256\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Czernowitzer Ghetto<\/strong><\/p>\n<p>I<br \/>\nDie alten G\u00e4\u00dfchen ziehn sich eng zusammen.<br \/>\nDer Boden hinkt und holpert im Zickzack.<br \/>\nAus schweren Leuchtern zucken kleine Flammen.<br \/>\nDer Witz treibt mit dem Ungl\u00fcck Schabernack.<\/p>\n<p>Die Augen funkeln, doch die Wangen blassen,<br \/>\nDer Kaftan rei\u00dft, die Schl\u00e4fenlocke bebt,<br \/>\nWenn, halb erstickt in seinen Pariagassen,<br \/>\nEin Volk noch st\u00f6hnend, h\u00f6hnend weiterlebt.<\/p>\n<p>Die Mauer fiel vor mehr als hundert Jahren,<br \/>\nUnd dennoch blieben sie im dumpfen Nest.<br \/>\nDas Elend hielt sie an den Schl\u00e4fenhaaren<br \/>\nIn ihrem engen alten Ghetto fest.<\/p>\n<p>II<br \/>\nF\u00fcr manche schlug die Befreiungsstunde<br \/>\n&#8211; Sie waren einflu\u00dfreich und satt und breit -,<br \/>\nDa lobten sie den Herrn aus vollem Munde<br \/>\nUnd lobten ihre aufgekl\u00e4rte Zeit.<\/p>\n<p>Sie zogen vornehm in die Gartenstra\u00dfen<br \/>\nZur Nachbarschaft mit Oberst und Bojar.<br \/>\nMan mi\u00dft sie nicht mit den gewohnten Ma\u00dfen.<br \/>\nSie sind &#8220;zwar&#8221; Juden, aber &#8211; annehmbar.<\/p>\n<p>Bunt leuchtet abends der Kasinogarten,<br \/>\nUnd die Kapelle spielt rum\u00e4nisch hei\u00df,<br \/>\nBlasiert betrachten sie die Speisekarten,<br \/>\nSie sind ein lauter, selbstbewu\u00dfter Kreis.<\/p>\n<p>Es klingt ihr Deutsch zerdehnt, verf\u00e4rbt, verbogen,<br \/>\nGeflickt mit Slawentrotz, Romanenglut,<br \/>\nBuntscheckig Narrendeutsch, von Leid durchzogen,<br \/>\nVergessnem Leid, das fern im Ghetto ruht.<\/p>\n<p>Die alte Klage dehnt noch ihre Sprache,<br \/>\nPogrom und Schimpf und Wandern ohne Rast.<br \/>\nDoch l\u00e4ngst verga\u00dfen sie schon Groll und Rache,<br \/>\nUnd der Feudalherr ist ihr lieber Gott.<\/p>\n<p>Sie sitzen da, sie nehmen ihn zum Muster,<br \/>\nIhr Stolz wird schwach, die Arroganz erstarkt,<br \/>\nSie sind ein Kreis, ein lauter, selbstbewu\u00dfter,<br \/>\nSie sind ein schamlos lauter Heiratsmarkt.<\/p>\n<p>Was soll ich tun? Kann ich den Lauf nicht \u00e4ndern?<br \/>\nMein vorbestimmter Gatte sitzt vor mir.<br \/>\nUnd dr\u00fcben, aus den dunklen Augenr\u00e4ndern,<br \/>\nDa starrt und starrt der blaue Offizier.<\/p>\n<p>Man sagt ihm nach, er jagt nach leichten Freuden,<br \/>\nMan sagt, er kommt und sieht und spielt den Herrn,<br \/>\nMan sagt, er kann wohl keine Juden leiden,<br \/>\nDoch ihre Frauen, sagt man, nimmt er gern.<\/p>\n<p>Die Fraun, die in den Gartenstra\u00dfen wohnen &#8211;<br \/>\nLeer ist ihr Leben, ein geputzter Zwang.<br \/>\nSie girren laut, sie suchen Sensationen,<br \/>\nWohin denn sonst mit ihrem Tatendrang?<\/p>\n<p>Und die Musik spielt auf mit hei\u00dfem Klingen<br \/>\nUnd dringt bet\u00e4ubend in die Sinne ein,<br \/>\nIch hab getr\u00e4umt, einst Gro\u00dfes zu vollbringen,<br \/>\nUnd so &#8211; und so wird nun mein Leben sein.<\/p>\n<p>Zuerst gewi\u00df der legitime Gatte<br \/>\nUnd dann der Advokat, der kluge hier,<br \/>\nUnd dann Papas Gesch\u00e4ftsfreund, dieser glatte,<br \/>\nUnd dann &#8211; dann kommt der blaue Offizier.<\/p>\n<p>Ich bin vom Tische pl\u00f6tzlich aufgesprungen<br \/>\n&#8211; Zum Gl\u00fcck gibt niemand in dem L\u00e4rmen acht -,<br \/>\nIch renne, renne mit gehetzten Lungen,<br \/>\nIch renne meine Antwort durch die Nacht.<\/p>\n<p>III<br \/>\nDie halbe Stadt hab ich im Zorn durchlaufen.<br \/>\nIch bin am Ziel. Gleichg\u00fcltig scheint der Mond<br \/>\nAuf einen dunklen morschen H\u00e4userhaufen,<br \/>\nDarin bedr\u00fcckt, erstickt der Paria wohnt.<\/p>\n<p>Die alten G\u00e4\u00dfchen ziehn sich eng zusammen,<br \/>\nDer Boden hinkt und holpert im Zickzack:<br \/>\nPlebejerwiege, der wir doch entstammen,<br \/>\nWir im Kasino, protzenhaftes Pack.<\/p>\n<p>Was sind wir? Abklatsch von feudalen Puppen,<br \/>\nHier aber ringt und gr\u00fcbelt und erkennt,<br \/>\nGen\u00e4hrt, gereizt von ihren Bettelsuppen,<br \/>\nDie Kraft, die einst die Welt ihr Eigen nennt.<\/p>\n<p>Es sch\u00e4rft sich gut die Logik dem Genarrten,<br \/>\nDas Rechtsgef\u00fchl dem, der ein Unrecht litt.<br \/>\nHei\u00df brennt der Stolz des Menschen, den mit harten<br \/>\nGespornten Stiefeln man zu Boden tritt.<\/p>\n<p>Ich bin dein Kind, du alte Judengasse,<br \/>\nUnd lern aus allem, was mein Volk erf\u00e4hrt.<br \/>\nStark, wenn ich denke, st\u00e4rker, wenn ich hasse,<br \/>\nAus jeder Schw\u00e4che schmiede ich ein Schwert.<\/p>\n<p>Lehr du mich, lehr, von hier mich loszuringen,<br \/>\nM\u00fchsal zu tragen, Hunger, Krankheit, Leid<br \/>\nUnd alle Fragen, alle zu bezwingen<br \/>\nAllein mit meiner wilden Redlichkeit.<\/p>\n<p>An deine Mauer dr\u00fcck ich meine Stirne.<br \/>\nVon heute\u00a0an gehorch ich mir allein.<br \/>\nFolg meiner Galle. Folge meinem Hirne.<br \/>\nSo geh ich recht. Es kann nicht anders sein.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/pbooooz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6624\" alt=\"pbooooz\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/pbooooz.jpg\" width=\"274\" height=\"450\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Der Wunderrabbi von Sadagura<\/strong><\/p>\n<p>Man raunt: er kann Geburt und Tod erzwingen,<br \/>\nAuf einem T\u00fcchlein f\u00e4hrt er \u00fcbers Meer,<br \/>\nSein L\u00e4cheln wird dir Gl\u00fccksgesch\u00e4fte bringen,<br \/>\nSein Zornesblick macht deine Taschen leer.<br \/>\nMan geht zu ihm mit Klagen und Beschwerden,<br \/>\nVerlassne Fraun und H\u00e4ndler vorm Bankrott.<br \/>\nEs ist nicht leicht: von ihm empfangen werden.<br \/>\n&#8220;Ein andermal, der Rabbi spricht mit Gott.&#8221;<\/p>\n<p>Sein Haus ist voll von altem, schwerem Prunke,<br \/>\nDer Sabbathleuchter gl\u00e4nzt vor Kostbarkeit,<br \/>\nKunstvolle Becher neigen sich dem Trunke,<br \/>\nUnd sein Gebet, es tr\u00e4gt ein seidnes Kleid.<\/p>\n<p>Er lehnt am Fenster mit gefurchter Stirne.<br \/>\nEs zittert leise sein gepflegter Bart.<br \/>\nEr wei\u00df: Nicht mehr gehorchen ihm die Hirne<br \/>\nWie einst, durch seine blo\u00dfe Gegenwart.<\/p>\n<p>Sie gehn vorbei mit hohnverhaltnen Gesten,<br \/>\nDie Kr\u00e4nkung sticht, der fromme Rausch bleibt aus.<br \/>\nEr sieht nicht mehr wie einst in allen \u00c4sten<br \/>\nDie Zeichen der Kabbala, alt und kraus.<\/p>\n<p>Am Horizont, mit violetten Spitzen,<br \/>\nIn wilder Sch\u00f6nheit die Karpathen ziehn.<br \/>\nEr wei\u00df von Liedern und er wei\u00df von Witzen,<br \/>\nSo spricht man und so singt man \u00fcber ihn.<\/p>\n<p>Man sagt: tief kann er in die Zukunft schauen,<br \/>\nOb wahr, ob falsch &#8211; bewundert seinen Blick!<br \/>\nMan singt: er heilt die kinderlosen Frauen,<br \/>\nDas tut er gern, das weist er nie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es reckt sich h\u00fcgelig die enge Gasse,<br \/>\nEin Kind ruft Czernowitzer Bl\u00e4tter aus,<br \/>\nDort dr\u00fcben wohnt der Schuster Reb Menasse,<br \/>\nDas ist sein armes, morsches, kleines Haus.<\/p>\n<p>Er hockt vertieft auf seinem Schemelsitze.<br \/>\nEr liest. Der Rabbi kneift die Augen ein.<br \/>\nEr wei\u00df, der macht die allersch\u00e4rfsten Witze.<br \/>\nWas f\u00fcr ein Buch mag da sein Buch wohl sein?<\/p>\n<p>Ein dickes Buch. Er kaut die schweren S\u00e4tze.<br \/>\nEr kommt in Schwung. Er wiegt sich hin und her.<br \/>\nEr pr\u00fcft und wendet die Gedankensch\u00e4tze.<br \/>\nEr hat begriffen. Mehr und immer mehr.<\/p>\n<p>Sein Daumen schwingt, der Logik froh, ins Leere.<br \/>\nEr beugt sein hei\u00dfvergr\u00fcbeltes Gesicht<br \/>\nAufs Buch hinab, als ob&#8217;s der Talmud w\u00e4re.<br \/>\nDer Talmud, Rabbi, aber ist es nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jung-Czernowitz Da, wo die G\u00e4\u00dfchen sich zusammenzogen, Der Witz das eigne Ungl\u00fcck h\u00f6hnte wild, Wo sich der Armen R\u00fccken keuchend bogen, Die Not sie an den Schl\u00e4fenlocken hielt- Wo ich einst stand in tobenden Gedanken, Die Stirne angepre\u00dft dem Mauerstein, Wirr, achtzehnj\u00e4hrig, doch schon ohne Wanken, Entschlossen, mir zu folgen ganz allein- Da steht nun, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[44,67],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6623"}],"collection":[{"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6623"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6623\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}