{"id":7330,"date":"2014-01-29T10:39:28","date_gmt":"2014-01-29T09:39:28","guid":{"rendered":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/?p=7330"},"modified":"2014-01-29T10:39:28","modified_gmt":"2014-01-29T09:39:28","slug":"angelika-borsig-and-the-jewish-cemetery-in-schopfloch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/?p=7330","title":{"rendered":"Angelika Borsig and the Jewish Cemetery in Schopfloch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der amerikanische Obermayer German Jewish History Award 2010<br \/>\nwurde im Abgeordnetenhaus in  Berlin vergeben<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnf B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus verschiedenen Landschaften Deutschlands wurden am 25. Januar 2010 im Abgeordnetenhaus von Berlin hoch geehrt. Der Obermayer German Jewish History Award wurde ihnen, den Nichtjuden, f\u00fcr ihre langj\u00e4hrige intensive Arbeit der Spurensuche  j\u00fcdischer Familien, die einst in ihren Gemeinden, D\u00f6rfern und St\u00e4dten lebten, verliehen.<\/p>\n<p>In ihren Gemeinden w\u00fchlten und suchten sie in einer Gott sei Dank l\u00e4ngst vergangenen Zeit. Sie suchten die Spuren der j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger, die einst in ihren Orten lebten, fanden zugewachsene j\u00fcdische Friedh\u00f6fe, hin und wieder auch Synagogen, die zu Schuppen, Kinos oder Superm\u00e4rkten heruntergekommen waren. Das Interesse dieser Spurensucher wuchs und entwickelte sich zu einer gro\u00dfartigen Leistung. Briefe, Dokumente und Fotos von damals tauchten auf, wurden f\u00fcr Publikationen, Vortr\u00e4ge, Ausstellungen und kulturgeschichtliche Exkurse verwendet. <\/p>\n<p>J\u00fcdische Mitb\u00fcrger gibt es keine mehr in ihrer Umgebung, sie wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet. Die \u00dcberlebenden zogen weiter \u00fcber Ozeane in die Neue Welt oder nach Pal\u00e4stina. Die Preistr\u00e4ger fanden durch ihre Arbeit, ihr Interesse, Kontakt zu den Nachfahren dieser Familien in aller Welt. Am Abend im Abgeordnetenhaus waren einige von ihnen aus der weiten Welt zu Gast gekommen, auch Rabbiner Shapiro mit seiner Frau aus Jerusalem.<\/p>\n<p>Walter Momper, Pr\u00e4sident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Dr. Arthur Obermayer, Pr\u00e4sident der Obermayer Stiftung und Frau Professor Dr. Dr. Jutta Limbach, ehemalige Pr\u00e4sidentin des Bundesverfassungsgerichtes und ehemalige Pr\u00e4sidentin des Goethe-Instituts, fanden sch\u00f6ne und auch mahnende Worte. Sara Nachama las die Gru\u00dfworte der abwesenden Pr\u00e4sidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Frau Charlotte Knobloch, die wegen des hohen Besuches aus Israel nicht pers\u00f6nlich an der Veranstaltung teilnehmen konnte. <\/p>\n<p>Ein ergreifender mimischer Bewegungstanz \u201eKlagelied\u201c der Faster-Than-Light-Dance-Company er\u00f6ffnete die Veranstaltung, Musikst\u00fccke von Paul Hindemith und Wolfgang Amadeus Mozart wurden gespielt von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der Internationalen Musikakademie zur F\u00f6rderung musikalisch Hochbegabter in Deutschland e.V.<\/p>\n<p>Parlamentspr\u00e4sident Walter Momper und Dr. Alfred Obermayer pers\u00f6nlich, \u00fcberreichten dann als H\u00f6hepunkt des Abends Angelika Brosig aus Schopfloch, Bayern, Helmut Gabeli aus Haigerloch, Baden-W\u00fcrttemberg, Barbara Greve aus Gilserberg, Hessen, Heidemarie Kugler-Weiemann aus L\u00fcbeck, Schleswig-Holstein und Walter Ott aus M\u00fcnsingen-Buttenhausen, Baden-W\u00fcrttemberg, die Urkunden. F\u00fcr die f\u00fcnf Geehrten, die in Eigeninitiative ehrenamtlich diese  gro\u00dfartige Arbeit leisten, ist dieser Preis sicherlich eine der allerh\u00f6chsten Ehrungen ihrer Arbeit und in die Tat umgesetzten Ideen.<\/p>\n<p>Christel Wollmann-Fiedler<br \/>\nBerlin, im Januar 2010<br \/>\nChristel.wollmann-fiedler@web.de<br \/>\n<a href=\"www.wollmann-fiedler.de\" target=\"_blank\">www.wollmann-fiedler.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schopfloch10-09047-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schopfloch10-09047-2.jpg\" alt=\"Schopfloch10-09047 (2)\" width=\"640\" height=\"480\" class=\"alignnone size-full wp-image-7331\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schopfloch10-09095.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schopfloch10-09095.jpg\" alt=\"Schopfloch10-09095\" width=\"640\" height=\"480\" class=\"alignnone size-full wp-image-7332\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Brosig1-10033.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Brosig1-10033.jpg\" alt=\"Brosig1-10033\" width=\"640\" height=\"480\" class=\"alignnone size-full wp-image-7333\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Angelika Brosig und der J\u00fcdische Friedhof in Schopfloch<\/p>\n<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Angelika Brosig<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>von Christel Wollmann-Fiedler<br \/>\nBerlin<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Den J\u00fcdischen Friedhof in Schopfloch habe ich vor Wochen zum ersten Mal besucht und merkte, dass er gut versorgt wird. Wann hast Du Dich in die Arbeit gest\u00fcrzt und begonnen Dich um ihn zu k\u00fcmmern?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Vor f\u00fcnf Jahren. Durch den Besuch einer Freundin bin ich draufgekommen, dass sich niemand um den Friedhof k\u00fcmmert. Zuerst habe ich mich \u00fcber die Situation des Friedhofs informiert und wollte wissen, was es zu tun gibt.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Im 16. Jahrhundert wurde der Friedhof  angelegt  und die Steine werden durch die  Feuchtigkeit regelrecht gefressen und zerst\u00f6rt<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Ja, vor allem im unteren Bereich, wo sich das Wasser staut. An der Hanglage ist das Problem nicht so gro\u00df, sondern wirklich nur in dem unteren linken Teil,  wo die Verstorbenen regelrecht \u201eschwimmen\u201c und nicht ruhen. Im Alten Teil sind die Jurakalksteine stabil, doch im Neuen Teil wurden Sandsteine und die um Neunzehnhundert in Mode gekommenen Kunstbetonsteine verwendet, die sehr gef\u00e4hrdet und bruchanf\u00e4llig sind. Auch die Dauerbeschattung im Sommer durch die B\u00e4ume f\u00f6rdert auch die Feuchtigkeit der Grabsteine.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Was bedeutet das f\u00fcr Deine Arbeit, dem Fass ohne Boden?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Ich bin f\u00fcr die Politik der kleinen Schritte und habe im Jahr 2006 systematisch angefangen zu arbeiten, nachdem der Friedhof von Architekten planerisch erfasst worden ist. Von Stein zu Stein bin ich gegangen und habe versucht zu entziffern, habe die hebr\u00e4ischen Zeilen gez\u00e4hlt. Hebr\u00e4isch kann ich leider nicht. Dann habe ich begonnen, die Steine Reihe f\u00fcr Reihe zu fotografieren.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Im Internet sah ich, dass die Steine dokumentiert sind. Deine Freundin, die Steinmetzmeisterin Birgit H\u00e4hnlein-Heberlein, restaurierte bereits einige Steine sehr liebevoll zu einem ganz geringen Preis. Vorhin habe ich mir das noch mal angeschaut. Du hast die Schriften vom Hebr\u00e4ischen ins Deutsche \u00fcbersetzen lassen. Das kostet doch einen Haufen Geld?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Das Wunder des Friedhofsprojektes ist, da\u00df ich immer Menschen fand und finde, die ohne Profit und umsonst mit mir arbeiten. Zum einen hat mir vom \u201eHarburg Projekt\u201c Rolf Hubmann geholfen beim Entziffern der deutschen Inschriften. Als wir dann 250 Namen alphabetisch ins Internet gestellt haben, kamen begeisterte Reaktionen aus aller Welt. Dadurch lernte ich Rabbiner Shapiro aus Jerusalem kennen, der mir seine Hilfe anbot. Er hat ohne Finanzierung 140 Grabsteine vom Hebr\u00e4ischen ins Englische \u00fcbersetzt und ich dann ins Deutsche. Das ging sehr gut per Foto und Internet. <\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Wie viele Grabsteine sind denn \u00fcberhaupt auf diesem Friedhof?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Ca. 1200 Steine. Die Architekten hatten eine an der Zahl bestimmt, doch sie stimmte nicht. Viele kleinere Steine wurden \u00fcbersehen, die ich dann auch aufgenommen und nummeriert habe.<br \/>\nDie Restaurierungsarbeiten haben sich ganz zuf\u00e4llig ergeben als ich erfuhr, dass man diese M\u00f6glichkeit wahrnehmen darf auf einem stillgelegten J\u00fcdischen Friedhof. Durch den Kontakt mit Sigrid Ansbacher aus den USA, die den Grabstein ihrer Gro\u00dfmutter restaurieren lassen wollte, fing das an. Vor Jahren sah sie, dass der Stein und der Sockel in einem schlechten Zustand sind. Als ich im Landesverband anfragte, ob wir \u201eNicht-Angeh\u00f6rige\u201c auch Steine restaurieren lassen d\u00fcrfen, erhielt ich eine positive Antwort. So gr\u00fcndete ich das \u201eStein-Paten-Projekt\u201c zur Rettung der Steine f\u00fcr Interessierte von hier und f\u00fcr die restlichen j\u00fcdischen Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Wer ist Sigrid Ansbacher?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Sigrid Ansbacher ist zweiundachtzig Jahre alt und eine der vier j\u00fcdischen \u00dcberlebenden von Dinkelsb\u00fchl. Ebenso ihr siebenundachtzigj\u00e4hriger Bruder Manfred Anson aus den USA, und ihre beiden  Geschwister, der dreiundachtzigj\u00e4hrige Benjamin und die siebenundachtzigj\u00e4hrige Margot Sommer, die in Israel leben. <\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Das war eigentlich meine n\u00e4chste Frage. Du korrespondierst mit einigen  und hast auch Freundschaft geschlossen mit \u00fcberlebenden Schopflocher Juden, auch deren Kindern und Kindeskindern, die sich in die ganze Welt verstreut haben. Ich denke, auch f\u00fcr Dich ist das eine Bereicherung?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Das sind ja nicht nur die Schopflocher Juden, sondern auch \u00dcberlebende aus Dinkelsb\u00fchl, Wittelshofen und Feuchtwangen. Wie ich vorhin schon sagte, habe ich mit  den vier Dinkelsb\u00fchlern einen sehr herzlichen  Kontakt. Sie haben mir auch  \u00fcber ihr Leben erz\u00e4hlt, was ich aufgeschrieben und in meine Homepage gegeben habe. Sigrids Lebensgeschichte in f\u00fcnf Konzentrationslagern und einem Arbeitslager durfte ich nach einundsiebzig Jahren in einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2008 vorlesen. In ihrer Heimatstadt nach siebzig Jahren  Anerkennung zu bekommen, endlich als Opfer wahrgenommen zu werden, wurde allerh\u00f6chste Zeit und war f\u00fcr sie sehr wichtig.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Nach Schopfloch kommen auch sehr alte Menschen aus dem Ausland und Du f\u00fchrst sie \u00fcber den Friedhof und sie erz\u00e4hlen Dir beim Rundgang durch den Ort \u00fcber ihre Familien. Auch andere, nichtj\u00fcdische Besucher, interessieren sich f\u00fcr den Friedhof und Du erz\u00e4hlst ihnen Geschichten. Hast Du ihnen auch \u00fcber die lachoudische Sprache in Schopfloch erz\u00e4hlt?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Die lachoudische Sprache in Schopfloch ist eigentlich f\u00fcr mich und meine Arbeit eine Randerscheinung . \u00dcber das Lachoudische haben Heimatpfleger Philipp und dann der B\u00fcrgermeister Hans-Rainer Hofmann  ein Buch geschrieben. Ich denke, damit ist diese Arbeit gut erfasst und abgeschlossen. Nat\u00fcrlich erz\u00e4hle ich, dass es diesen Dialekt im Ort gibt und erkl\u00e4re die Herkunft. Noch heute sprechen ihn  einige Bewohner im Ort, zum Teil noch recht fl\u00fcssig. Diese Sprache ist ein Relikt aus der Zeit des christlich-j\u00fcdischen Zusammenlebens. Es war eine H\u00e4ndlersprache, die es nicht nur in Schopfloch auf dem Markt gab. Auch in anderen Gemeinden, wo Juden zuhause waren, wurde diese Sprache ins t\u00e4gliche Leben \u00fcbernommen.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Warum wird diese Sprache aber in Schopfloch so besonders hervorgehoben?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Weil sie heute noch gesprochen wird, und die Begriffe sich in die Allgemeinsprache, in den Allgemeindialekt, eingepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Auch bei christlichen B\u00fcrgern Schopflochs?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Oh, ja, es gibt alteingesessene Schopflocher Familien, in denen dieser Dialekt, diese lachoudische Sprache, von Generation zu Generation weitervererbt wird. Eine H\u00e4ndler- und Geheimsprache, die aus dem Hebr\u00e4ischen, aus dem Jiddischen und aus dem Rottwelsch entstand. Da \u201ein Schopfloch nichts geheim bleibt\u201c wurde sie zum \u00f6ffentlichen Dialekt. Eigentlich ein Sprachenmischmasch.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Dieser Sprachenmischmasch interessiert mich ganz besonders, zumal Du erw\u00e4hntest, dass diese Sprache auch in anderen D\u00f6rfern gesprochen wurde. Auch erz\u00e4hltest Du, dass ein Italiener dar\u00fcber geschrieben hat. Wer war das?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Ich habe an Primo Levi gedacht. Er beschreibt, dass in seiner Heimat bei Turin, in den l\u00e4ndlichen Gemeinden im s\u00fcdlichen Piemont, sich aus dem Italienischen und Jiddischen eine gemeinsame Mischsprache entwickelt hat und nennt in seinem Buch \u201eDas Periodische System\u201c viele Wortbeispiele. So hat diese Sprache sich auch in anderen L\u00e4ndern, in anderen j\u00fcdischen Gemeinden, entwickelt. Das Zusammenleben von Juden und Christen hatte dazu gef\u00fchrt<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> F\u00fcr Dinkelsb\u00fchl und die umliegenden D\u00f6rfer hast Du durch Deine Freude an der Arbeit einen wichtigen Meilenstein zu ihrer Stadt- Dorf- und Kulturgeschichte gelegt. J\u00fcdische Familiennamen, deren Berufe, Schicksale und Opfer werden erforscht und in die Gegenwart gebracht. Hat das auch f\u00fcr Dich zum Positiven gef\u00fchrt? Hat Deine Arbeit in Deiner heutigen, direkten Umgebung Nachhall gefunden?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Ja, die Menschen in Schopfloch, die mir gegen\u00fcber offen sind. Eine alte Schopflocherin, deren Mutter eine j\u00fcdische Mitgefangene aus der Familie Herold pflegte, erz\u00e4hlte mir einiges. Hin und wieder habe ich im Ort Zeitzeugen gefunden, die mir aus der Vergangenheit, von damals, erz\u00e4hlt haben. Sie haben nichts besch\u00f6nigt und von den Schattenzeiten in der Nazizeit berichtet. Ungerechtigkeit an Juden wurden beschrieben.<br \/>\nIn Dinkelsb\u00fchl habe ich eine \u00fcbergro\u00dfe Resonanz bekommen als ich das Anbringen  einer Tafel an der Synagoge initiiert habe. Damals bekam ich viele Anrufe von Dinkelsb\u00fchlern. Sie hatten das Bed\u00fcrfnis aus der Nazizeit zu berichten.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Nichtj\u00fcdische alte B\u00fcrger berichten Dir heute noch von damals und was bedeutet das f\u00fcr Dich?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> F\u00fcr mich haben sich dadurch wichtige L\u00fccken gef\u00fcllt. Z.B. Fanny Benjamins Geschichte, von der ich gar nichts wusste. die ohne Stein beerdigt wurde. Mich hat das sehr bedr\u00fcckt. Eine sehr alte Dame rief mich aus dem Altenheim an. Von ihr erfuhr ich, dass Fanny Benjamin sieben Jahre in ihrer Familie gelebt hat und wie die Endphase f\u00fcr die Juden, die bis  1938 hier geblieben waren,  sehr schwierig wurde. Wie sie dann verschwinden mu\u00dften.<br \/>\nFanny Benjamin wurde krank, kein Arzt kam. Ihre Schwester bat im Rathaus um Hilfe, doch Hilfe f\u00fcr  das \u201eJudenweib\u201c wurde verweigert! Von der J\u00fcdischen Gemeinde wurde sie dann versorgt und starb schwerkrank nach zwei Wochen. Das sind wichtige Informationen f\u00fcr mich, um das damalige Elend der Juden begreifen zu k\u00f6nnen.<br \/>\n\u00dcber Paula Jordan, die auch ohne Stein beerdigt wurde, erfuhr ich einiges von einem anderen Zeitzeugen. Er hatte als kleiner Junge den Beerdigungszug noch bis zum Dorfende begleitet und er erinnerte sich sehr gut, dass diese Frau auch ohne Stein beerdigt wurde. Das war im Februar 1938.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Vorhin sind wir noch mal zusammen \u00fcber den herbstlichen Friedhof gegangen und ich sah, dass nun zwei Grabsteine f\u00fcr diese beiden Frauen, \u00fcber die Du gerade gesprochen hast, im Rasen liegen. Wieso jetzt, nach \u00fcber 60 Jahren?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Es war mir ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis. Ich habe in der Gemeinde nachgefragt, ob ich Steine legen darf. Geld habe ich dann gesammelt, den Rest gab ich dazu. Mit meiner Projektpartnerin, Birgit H\u00e4nlein-Heberlein,  habe ich \u00fcberlegt, was wir machen k\u00f6nnen. Wir haben uns dann auf die liegenden Steine geeinigt, weil wir keine gro\u00dfe Ver\u00e4nderung des Friedhofsarrangements haben wollten. Auch wollten wir die Besucher darauf aufmerksam machen, dass hier nicht mehr drauf getreten werden darf. Hier liegt jemand, deshalb die schlichten Platten.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Ihr habt den beiden Frauen jetzt endlich ihre Namen gegeben, sie nach \u00fcber sechs Jahrzehnten w\u00fcrdevoll  beerdigt .<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Und die letzte Ehre haben wir ihnen dadurch auch erwiesen. Ihnen wurde ja damals ohne Stein und ohne Namen, die W\u00fcrde genommen.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Der Dinkelksb\u00fchler Rotary Club hat Dich zu Beginn dieses Jahres mit einer hohen Auszeichnung  bedacht. Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Frau Charlotte Knobloch, war bei der Preis\u00fcbergabe dabei und Rabbi Ebert aus W\u00fcrzburg. Das \u201egewonnene\u201c Geld hast Du dann gleich in die Grabsteinsanierung gesteckt.<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Das war nat\u00fcrlich vom Rotary Club  auch so gedacht.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Du erw\u00e4hntest gerade Rabbi Ebert. Hat er Dir nicht im letzten Jahr beim Entziffern der Namen geholfen?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Damals habe ich ihn eingeladen und einen Nachmittag lang haben wir dann hier zusammen auf dem Friedhof gearbeitet, obwohl er ein sehr besch\u00e4ftigter Mann ist. Ich freue mich immer, wenn Menschen aus Idealismus und Hilfsbereitschaft bei solchen Projekten mitmachen. Es gibt der Arbeit einen ganz anderen Geist. Rabbi Ebert war so begeistert von der Arbeit, dass er nicht nur zwanzig, sondern vierzig Steine entziffert hatte. F\u00fcr mich war es selbstverst\u00e4ndlich, dass er bei der Preisverleihung auch dabei war.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Trotz t\u00e4glicher sehr heftiger k\u00f6rperlicher Schmerzen l\u00e4sst Du Dich nicht entmutigen f\u00fcr den Schopflocher J\u00fcdischen Friedhof zu k\u00e4mpfen und zu streiten. Auch die Erinnerung an die j\u00fcdischen Familien in Schopfloch m\u00f6chtest Du wachhalten, einfach daran erinnern, dass diese Familien einmal hier mit christlichen  zusammengelebt  und eine Dorfgemeinschaft gebildet haben.<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Wir reden hier immer \u00fcber den  Schopflocher Friedhof. Er war aber ein Verbandsfriedhof f\u00fcr mehrere Gemeinden. Dort, wo die Geschichte der J\u00fcdischen Gemeinden noch nicht erforscht war, habe ich versucht, L\u00fccken zu schlie\u00dfen. Feuchtwangen ist z.B. bestens erforscht durch die dortigen Heimatforscher, in Dinkelsb\u00fchl war diesbez\u00fcglich recht wenig geschehen. Da habe ich sehr viel aufgearbeitet und in Wittelshofen trug ich ganz einfach die Arbeit der beiden dortigen Heimatforscher zusammen zu einer Arbeit \u201eJ\u00fcdisches Wittelshofen\u201c. Alles habe ich dann ins Internet gesetzt, damit es eine historische Erfassung \u00fcber Wittelshofen gibt.<br \/>\nSeit wann gab es Juden in Wittelshofen, was war in Wittelshofen zu finden, was gibt es heute noch, eben die Besonderheiten Wittelshofens. Der Anteil der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung war teilweise h\u00f6her als in Schopfloch. Man nannte Wittelshofen das Judendorf. Es waren Bauern, Viehh\u00e4ndler, die eng miteinander verbunden waren. Dieses sch\u00f6ne Zusammenleben wurde durch das Judenedikt reduziert, aber nat\u00fcrlich auch durch den Nationalsozialismus. Juden durften dann bei den Christen nicht mehr einkaufen, also umgekehrte Verordnungen. Das Ende der Juden in Wittelshofen war besonders dramatisch. Die drei Familien, die dort noch lebten, wurden einen Tag vor der Reichsprogromnacht auf einen LKW verfrachtet und \u00fcber Feuchtwangen nach N\u00fcrnberg gebracht.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Was geschah dann mit ihnen?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Einige sind nach M\u00fcnchen gezogen und ein Ehepaar blieb in  N\u00fcrnberg, die Weinschenks. Rose Weinschenks Mann starb 1940. Man wei\u00df nicht warum. Die j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger wurden damals sehr unter Druck gesetzt. Sie sollten ihre H\u00e4user verkaufen. Frau Weinschenk war die einzige in der gesamten Region, die sich weigerte bis zu ihrer Deportation ihr Haus zu verkaufen. Sie wollte es behalten! Das wird ein schrecklicher Druck gewesen sein, sogar unter Folter. Folter war damals \u00fcblich in N\u00fcrnberg. Rosa Weinschenk wurde dann deportiert und  umgebracht. Ihr Cousin klagte nach dem Krieg auf Wiedergutmachung. Das Haus, das damals zwangsversteigert wurde, musste nun von der Gemeinde nochmals gekauft werden. Das ist f\u00fcr mich eine ganz besondere Geschichte. Rosa Weinschenk mu\u00df eine sehr tapfere Frau gewesen sein.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Trotz aller Tapferkeit ist sie dann doch umgebracht worden. Eine sehr traurige Geschichte!<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> Ja, ein Opfer der Shoa, wie viele andere.<\/p>\n<p><strong>C.W.-F.:<\/strong> Sind von den Familien, \u00fcber die Du mir erz\u00e4hlt hast, \u00dcberlebende in die D\u00f6rfer zur\u00fcckgekehrt?<\/p>\n<p><strong>A.B.:<\/strong> In Dinkelsb\u00fchl kamen die Eltern der Ansbachers, Ludwig und Selma Ansbacher, aus Theresienstadt zur\u00fcck. Sie wollten sich in ihrer vergangenen Stadt wieder ansiedeln, doch der Versuch ist missgl\u00fcckt. Viele Dinkelsb\u00fchler bekamen damals nach dem Krieg  Endnazifizierungsbescheinigungen, sogenannte Persilschein. Das haben die Ansbachers  einfach nicht verkraftet und sind in die USA gegangen. Wir verstehen sie nicht mehr und sie verstehen uns nicht, sagten sie damals. Die einzige J\u00fcdin aus der gesamten Region, die zur\u00fcckkam und blieb, war Jette B\u00e4r aus M\u00f6nchsroth. Sie kam aus Italien zur\u00fcck und hat ganz selbstverst\u00e4ndlich dann dort mit den Dorfbewohnern wieder zusammengelebt. Eigentlich ist das sehr erstaunlich, denn in M\u00f6nchsroth gab es sehr schlimme Vorkomnisse in der Nazizeit. Die letzten vier Juden, die dort lebten, wurden \u00fcberfallen, ausgeraubt und k\u00f6rperlich misshandelt. M\u00f6nchsroth war also auch nicht zimperlich.<\/p>\n<p>(Das Interview wurde 2009 gef\u00fchrt)<\/p>\n<p>F\u00fcr Angelika Brosig ist der Erhalt des J\u00fcdischen Friedhofes und die Erinnerung an die J\u00fcdischen Familien im Ort zur Lebensaufgabe geworden. Im Januar 2010 wurde ihr im Abgeordnetenhaus in Berlin der hochangesehene Obermayer German Jewish Community History Award \u00fcberreicht. Dr. Obermayer war pers\u00f6nlich aus den USA angereist und \u00fcberreichte ihr und noch vier anderen Damen und Herren diese Auszeichnung. Eine gro\u00dfe Ehre, eine hohe Auszeichnung f\u00fcr Angelika Brosigs engagierte Arbeit.<br \/>\nWeniger k\u00f6rperliche Schmerzen w\u00fcnsche ich Angelika Brosig f\u00fcr die Zukunft und viele Geldspenden zum Sanieren der Friedhofssteine auf dem Schopflocher Friedhof (2010)<br \/>\nVor zwei Jahren, 2011, starb Angelika Brosig mit 46 Jahren an ihrer schweren Krankheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der amerikanische Obermayer German Jewish History Award 2010 wurde im Abgeordnetenhaus in Berlin vergeben F\u00fcnf B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus verschiedenen Landschaften Deutschlands wurden am 25. Januar 2010 im Abgeordnetenhaus von Berlin hoch geehrt. 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