{"id":9415,"date":"2016-05-24T13:16:02","date_gmt":"2016-05-24T11:16:02","guid":{"rendered":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/?p=9415"},"modified":"2016-12-10T16:28:28","modified_gmt":"2016-12-10T16:28:28","slug":"at-the-jewish-cemetery-of-sadagora","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/?p=9415","title":{"rendered":"At the Jewish Cemetery of Sadagora"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/annoshow.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-9416\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/annoshow-658x1024.jpg\" alt=\"annoshow\" width=\"540\" height=\"840\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/annoshow2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-9417\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/annoshow2-658x1024.jpg\" alt=\"annoshow2\" width=\"540\" height=\"840\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-8808 size-full\" src=\"http:\/\/ehpes.com\/blog1\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/button1.png\" alt=\"button(1)\" width=\"210\" height=\"38\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Bukovina is in every sense a paradox. Everything is upside down here. It almost seems as if this topsy-turvy element had to belong to the nature of this land, as if its character was to consist of this. Everyone feels that Bukovina is something special, not to be put on a level with the other crownlands and that its cultural ties also have a certain nuance of their own,\u00a0 something different from the ordinary. Yet, they only feel. What this character is, however, very few have so far attempted to fathom.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>This is a citation of Dr. Max Rosenberg from Czernowitz from the year 1914, preposed by H. F. van Drunen to his thesis &#8220;&#8216;A Sanguine Bunch&#8217; &#8211; Regional Identification in Habsburg Bukovina, 1774-1919&#8221; (Book of the Month, January 2015):<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/czernowitzbook.blogspot.de\/2015\/01\/a-sanguine-bunch.html\" target=\"_blank\">http:\/\/czernowitzbook.blogspot.de\/2015\/01\/a-sanguine-bunch.html<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>One year later, in 1915, under the impression of the devastations caused during the Russian occupation, Dr. Max Rosenberg is visiting the Jewish Cemetery of Sadagora and his impressive report &#8211; see above &#8211; was published by the prestigious &#8220;Pester Lloyd&#8221; from Budapest on April 20, 1915:<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Auf dem Judenfriedhof von Sadagora. <\/strong><strong>Von Dr. Max Rosenberg (Czernowitz).<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Am n\u00f6rdlichen Ende Sadagoras, in der Ecke einer weiten Wiese, ein kleiner, fr\u00fcher umfriedet gewesener Platz. Drinnen die charakteristischen wei\u00dfen Steine, dicht nebeneinander gestellt, wie betende Juden gegen Osten gewendet. Es ist der Judenfriedhof Sadagoras. Ganz still liegt er jetzt da. Wer ihn betritt, hat aber das Gef\u00fchl, als ob jedes St\u00fcckchen aufgeworfenen Lehms gar manches erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Viel hat dieser abgeschiedene\u00a0 Ort in der letzten Zeit erdulden m\u00fcssen. S\u00fcdlich vom Friedhof liegt das j\u00fcdische St\u00e4dtchen mit seinen niedrigen, von Schindeld\u00e4chern bedeckten H\u00e4usern und den engen winkeligen Stra\u00dfen. Dort haben die Russen, als sie hier Herren waren, gew\u00fctet. Dieser kleine, tote, stille Judenfriedhof gew\u00e4hrt den Eindruck, als wollte er all das wieder erz\u00e4hlen, was der kleine Judenort da unten gelitten.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Nicht nur die Lebenden haben die Russen mi\u00dfhandelt, auch vor den Toten hat ihr W\u00fcten nicht Halt gemacht. Die Wohnst\u00e4tte der Lebenden haben sie vernichtet, und die Ruhest\u00e4tte der Toten haben sie verw\u00fcstet.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Durch die \u00f6den Stra\u00dfen, an H\u00e4usern mit eingeschlagenen Scheiben und zerbrochenen Einrichtungsgegenst\u00e4nden vorbei, weinenden Bettlern begegnend, die um ihre verlorene Habe trauern, komme ich zu dem stillen Ort. Um die j\u00fcdischen Friedh\u00f6fe Osteuropas weht eine so uns\u00e4gliche Wehmut! Sind es die wei\u00dfen Leichensteine? Ist es die schmucklose, dabei doch ergreifende Umgebung? Sind es die halbverwitterten\u00a0 Runen, die in die wei\u00dfen Sandsteine gemei\u00dfelt sind? Ist es das Grauen der absoluten Ruhe? Ich wei\u00df es nicht. Eines ist gewi\u00df: diese Friedh\u00f6fe atmen eine d\u00fcstere Trauer, der sich niemand zu entwinden vermag.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Dem Besucher des Friedhofes von Sadagora bietet sich heute ein Bild der Verw\u00fcstung. Es ist, als ob eine rauhe Hand die St\u00e4tte des Todes aufgew\u00fchlt und das ruhige Sterben verhindert h\u00e4tte. Nicht der ruhige, sanfte Tod ist es, der hier schl\u00e4ft. Es ist mehr der Tod nach starken, konvulsivischen Zuckungen, nach vielen Qualen und Schmerzen. Als h\u00e4tten die Toten hier unter der Erde sich noch einmal erhoben, h\u00e4tten das Erdreich auf ihren Grabh\u00fcgeln noch einmal umgesch\u00fcttelt, als h\u00e4tten sie mit Bestien gek\u00e4mpft, die in ihre Abgeschiedenheit einzubrechen wagten.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Am Eingange des Friedhofes steht ein kleines H\u00e4uschen und dicht dabei ein etwas h\u00f6heres Geb\u00e4ude. Im Innern des H\u00e4uschens eine Kiste neben der andern; alle ge\u00f6ffnet und mit Erde gef\u00fcllt. Die Grabst\u00e4tte der Sadagorer Rabbiner. Die Bretter der Kisten sind weggerissen und auf dem Erdboden liegen kleine viereckige, mit hebr\u00e4ischen Lettern beschriebene Zettelchen umher. An den Trauertagen sind fromme chassidische Juden hergekommen und haben die Zettel in die kleine Oeffnung an der Seite der Kiste hineingelegt. Auf diesen Papierfetzen waren W\u00fcnsche und Klagen verzeichnet, die sie ihrem toten Rabbi auf diese Weise mitteilten. Jetzt liegen all diese Zettelchen zerstreut am Boden umher. Von dem kleinen H\u00e4uschen trete ich in das gr\u00f6\u00dfere. Die schwarze T\u00fcr \u00f6ffnete sich knarrend. Das Schlo\u00df ist heruntergerissen. Im Innern ein noch \u00e4rgeres Bild der Verw\u00fcstung als bei der ersten Grabst\u00e4tte. Das Erdreich ist auch hier versch\u00fcttet. Auf dem Boden Erdschollen und Zettel, Zettel und Erdschollen. Ein Zettelchen hebe ich auf. Mit M\u00fche kann ich die Schrift entziffern. \u201eBete f\u00fcr uns, da\u00df endlich Friede werde\u201c sind die einzigen Worte, die darauf stehen. In einer mit Erde bedeckten Kiste ein tiefes Loch. Hier haben H\u00e4nde gew\u00fchlt. Durch die eingeschlagenen Scheiben dieser Grabst\u00e4tte weht der Wind und r\u00fcttelt an den T\u00fcren.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Drau\u00dfen, an dem s\u00fcdlichen Ende des St\u00e4dtchens, erhebt sich das Haus des Wunderrabbis. Dort haben sie alles zertr\u00fcmmert, die Einrichtungsgegenst\u00e4nde vernichtet, die Reliquien zerst\u00f6rt. Als sie daran genug hatten, zogen sie nach dem Friedhof und suchten die Grabst\u00e4tten der Rabbiner auf. Die Kisten, die die Grabh\u00fcgel bedecken, rissen sie fort und suchten nach Sch\u00e4tzen. Was sie in des Rabbiners Haus gefunden hatten, war ihnen nicht genug. Aber nicht nur die Habgier leitete sie: sie wollten die chassidischen Heiligt\u00fcmer verletzen.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Dr\u00fcben in S\u00fcdru\u00dfland wohnen viele\u00a0 unterdr\u00fcckte Juden; sie sind zum gro\u00dfen Teile Chassidim und Anh\u00e4nger der Sadagorer Rabbinerdynastie. An den Feiertagen kommen sie nach Sadagora, um in der N\u00e4he ihres Rabbiners Leid und Unterdr\u00fcckung zu vergessen. Der Rabbiner und sein Heim sind f\u00fcr diese Armen Trost und Zuflucht. Wenn die russischen Soldaten so vandalisch gegen die chassidischen Heiligt\u00fcmer hausten, so taten sie es nicht nur, weil es ihnen Freude machte, fremde Heiligt\u00fcmer zu verletzen, sie taten es auch, weil sie die letzte Zufluchtsst\u00e4tte der russischen Juden vernichten wollten.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>In einem der H\u00e4uschen steht ein gr\u00f6\u00dferer Kasten, der einen h\u00f6heren Erdh\u00fcgel bedeckt. Das Holz, vom Alter gebr\u00e4unt, spricht von Vergangenheit. Es ist die Grabst\u00e4tte des Kischiners, des Begr\u00fcnders der Sadagorer Rabbinerdynastie. Einst wohnte dieser Mann in Ru\u00dfland, wo er viele Anh\u00e4nger hatte. Der russischen Regierung gefiel dies nicht. Sie verfolgte ihn, strengte gegen ihn Prozesse an. Der Kischiner entfloh seinen Verfolgern nach Sadagora, das einst von dem russischen General Gartenberg gegr\u00fcndet worden war. Die russischen Juden suchten auch weiter ihren Rabbi auf. Die Russen aber konnten ihm nichts anhaben, weil er sich auf \u00f6sterreichischem Gebiete aufhielt. Sie w\u00e4ren damals so gern seiner habhaft geworden: jetzt haben sie ihn endlich in ihre Macht bekommen. Der Kischiner, dem die russischen Soldaten im Leben keine Ruhe g\u00f6nnten, sollte auch im Tode nicht verschont bleiben.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>In einer Ecke des Friedhofes, der Armens\u00fcnderecke, wo Selbstm\u00f6rder und gehenkte Verbrecher begraben werden, ein H\u00e4ufchen frisch aufgeh\u00e4ufter Erde. Da unten lag einer, dem das Leben keine Freude mehr bot. Da nahm er den Strick und erh\u00e4ngte sich. Er h\u00e4tte jetzt Ruhe gehabt, w\u00e4ren nicht die Russen gekommen. In der Nacht zogen sie nach dem Friedhof, gruben das Grab des Selbstm\u00f6rders auf und durchsuchten die Leiche. Sie hofften Sch\u00e4tze zu finden, doch was sie antrafen, waren nur Reste schmutziger Leinwand und Leichenteile. Als sie ihre Hoffnung entt\u00e4uscht sahen, warfen sie die Leiche neben den Grabh\u00fcgel und lie\u00dfen sie liegen. Raben kamen und stachen in die moderigen Teile ihre Schn\u00e4bel, der winterliche Sturmwind bl\u00e4hte die Leinwandfetzen, Kosaken traten sie mit den F\u00fc\u00dfen. Erst nach einiger Zeit kamen Juden und verscharrten den Leichnam. Jetzt ist der Grabh\u00fcgel wieder zugedeckt und die m\u00fcden Gebeine ruhen.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>In der Mitte des Friedhofes erheben sich einige Lehmh\u00e4ufchen. Niedere Grabh\u00fcgel. Kein Zettelchen verr\u00e4t, wer da unten ruht. Aber die Sadagorer wissen, wer hier bestattet wurde.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>&#8211; Hier liegt Kalman Retter, sagt mein Begleiter.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>&#8211; Wer ist Retter?<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>&#8211; Sie kennen ihn nicht? gibt er die Frage zur\u00fcck. Welcher Sadagorer kennt Kalman Retter nicht?<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Und ich erfahre die Geschichte des Toten. Er war der angesehenste B\u00fcrger Sadagoras. Eines Nachts kamen Kosaken zu ihm und verlangten 50.000 Rubel. Er beteuerte, er besitze so viel Geld nicht. Die Kosaken glaubten ihm nicht und erstachen ihn.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>&#8211; Da weiter liegt Liquornik, erz\u00e4hlt mein Begleiter. Er hat mehr gelitten als alle anderen. Kosaken tranken seinen Wein, und als sie genug getrunken hatten, verlangten sie nach seinem Weibe. Als Liquornik fl\u00fcchten wollte, sandten sie ihm einige Gewehrkugeln nach. Er war sofort tot. Seine Leiche lie\u00dfen sie einige Tage auf der Stra\u00dfe liegen. Niemand durfte sie bestatten. Die Juden des St\u00e4dtchens konnten es nicht ertragen, da\u00df einem der Ihren nicht \u201esein Recht\u201c getan werde. Sie bettelten beim Kommandanten, und nach langem Bitten gestattete dieser, da\u00df die\u00a0 Leiche in das Haus getragen und dann bestattet werde.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>&#8211; Und dort liegt ein anderer, der dasselbe Schicksal gefunden hat, und dann weiter links noch einer. Die Erde deckt sie alle. Eine Gr\u00e4berreihe der durch Russenhand Ermordeten. Sehen Sie, das ist Sadagoras Erinnerung an die Russenzeit.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Der Jude entfernt sich mit einem Seufzer und l\u00e4\u00dft mich allein.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Weiter links ein umgeworfener Grabstein. Eine gewaltt\u00e4tige Hand hat ihn ausgehoben, hat das Grab durchw\u00fchlt und nach Geld gesucht. Dann wieder rechts eine Anzahl kleiner Gr\u00e4ber. Die Angeh\u00f6rigen dieser Toten haben nicht Geld genug, Grabsteine zu errichten. Kleine, verwitterte Holzpl\u00e4ttchen vertreten die Stelle von Gedenksteinen. Die meisten Pl\u00e4ttchen sind umgeworfen, die Bretter, die das Ganze bedeckten, weggerissen. Da haben die russischen Soldaten gegraben, bis sie den Leichnam erreichten. Hier glaubten sie Sch\u00e4tze zu finden. Die T\u00f6richten wu\u00dften nicht, da\u00df Sadagorer Juden im Leben Bettler sind und auch im Tode nichts haben. Wenn sie sterben, werden sie nicht im Sarge zu Grabe getragen. Nur ein Brett wird auf den Boden des Grabes gelegt, dann wird die Leiche hinuntergelassen; drei Bretter decken den Toten zu. Die Sadagorer frommen Juden denken daran, da\u00df sie aus Erde geschaffen wurden, und rasch wollen sie wieder zu Erde werden. Ein Sarg w\u00fcrde die Aufl\u00f6sung verlangsamen.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Bei diesen Toten haben die Russen Sch\u00e4tze gesucht. Da sie nichts fanden, haben sie die Grabst\u00e4tten zertr\u00fcmmert, die Grabdeckel weggeschleudert und die Erdh\u00fcgel umgesch\u00fcttet, damit niemand wisse, wo einst die Toten lagen.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Auf dem freien Platze, der mit Grabh\u00fcgeln noch nicht ganz bedeckt ist, zieht sich eine frische Gr\u00e4berreihe hin. Nur einige H\u00e4ufchen Erde. Hier ruhen jene, die w\u00e4hrend der Russenzeit eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben sind, die das Gl\u00fcck hatten, ihres Lebens nicht gewaltsam beraubt zu werden. Die seelische Erregung, die sie w\u00e4hrend der Russentage in Sadagora durchmachten, hat sie hingestreckt. Als sie begraben waren, kamen nachts die Soldaten und schaufelten die Gr\u00e4ber wieder auf, um nachzusehen, ob ihnen nicht irgendwelche Sch\u00e4tze ins Grab mitgegeben worden waren.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Ich wandere zum Ende des Friedhofes. Ende? Niemand wei\u00df, wo der Friedhof beginnt und wo er endet. Die Bretter, die die Grabst\u00e4tte der Toten umz\u00e4unten, sind ausgehoben worden. Kein Zaun ist geblieben. Nur hie und da verraten einige Latten, da\u00df hier einst eine Friedhofumz\u00e4unung stand.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Es ist ganz stille. Nur das Sausen des Windes, der durch die Ebene braust, klingt als feiner, d\u00fcnner Ton von fernher an mein Ohr. Es klingt wie Wimmern und Klagen der Toten, deren Gr\u00e4ber gesch\u00e4ndet wurden. Auf einem Baumstumpf hocken mehrere Raben, zuweilen l\u00e4\u00dft einer seine heisere Stimme h\u00f6ren. Auf und ab schaukeln die schwarzen, unheimlichen V\u00f6gel, bewegen die Schn\u00e4bel, fliegen manchmal auf eine Grabst\u00e4tte und dann wieder zu ihrem Baumstumpf. Sie scheinen etwas zu vermissen, was sie einst besessen haben und wonach sie sich sehnen. Vor kurzem haben sie an dieser St\u00e4tte ihre Schn\u00e4bel in Leichenfleisch stecken k\u00f6nnen. Jetzt suchen sie die St\u00e4tte vergebens.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Ich lasse den Blick umherschweifen und der Satz des Frankfurter Chronisten \u00fcber pl\u00fcndernde Kreuzfahrer, die das Judenviertel einer rheinischen Stadt heimgesucht hatten, kommt mir in den Sinn: \u201eDie Unholde hatte nicht genug daran, da\u00df sie auf den Stra\u00dfen mordeten und pl\u00fcnderten. Selbst die Toten hatten vor ihnen nicht Ruhe. Sie zogen auf den Judenfriedhof, \u00f6ffneten die Gr\u00e4ber und sch\u00e4ndeten die Leichen.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Vor nahezu tausend Jahren, im finsteren Mittelalter geschah dies, und heute verfahren Verb\u00fcndete zweier Kulturnationen im Zeitalter der Flugmaschinen nicht anders. Sie behaupten dabei, f\u00fcr die Kultur zu k\u00e4mpfen.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Der Judenfriedhof Sadagoras ist zum Kulturdenkmal geworden.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Aus meinem Sinnen rei\u00dft mich ein seltsam murmelndes Ger\u00e4usch. Eine menschliche Stimme, die eint\u00f6nig etwas vor sich hinsagt. Ich blicke um mich und gehe der Stimme nach.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><strong>Zwischen den Grabsteinen, vor einem alten verwitterten Grabmale steht ein alter Jude. Eine Ahasvergestalt. Sein Auge blickt wirr, seine Wangen sind bla\u00df und durchfurcht. Seine langen Haarringel werden durch den Wind bewegt. Der schwarze Kaftan l\u00e4\u00dft die Gestalt noch h\u00f6her erscheinen als sie in Wirklichkeit ist. Der Oberk\u00f6rper bewegt sich hin und her, die H\u00e4nde h\u00e4ngen schlaff an der Seite herab. Nur die Lippen murmeln ein eint\u00f6niges Gebet. Mit M\u00fche kann ich die einzelnen Laute verstehen. Dieser Jude hat von den Russen viel zu leiden gehabt. Jetzt sucht er Trost bei seinen Toten auf dem Friedhofe. Ich h\u00f6re die chald\u00e4ischen Worte: \u201eVerherrlicht und geheiligt werde sein gro\u00dfer Name in der Welt.\u201c Und dann schlie\u00dft er mit den Worten: \u201eEr stifte Friede \u00fcber uns.\u201c Bei den letzten Worten umarmt er den Stein und Tr\u00e4nen rinnen ihm aus den Augen, w\u00e4hrend er zitternd die letzten Worte wiederholt: \u201eEr stifte Friede \u00fcber uns.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Bukovina is in every sense a paradox. Everything is upside down here. It almost seems as if this topsy-turvy element had to belong to the nature of this land, as if its character was to consist of this. 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