11/15/12

The Oldest Bookstore in Radautz

Reclam Centenary 1928





Read the full story of “The Oldest Bookstore in Radautz”, edited by Franz Wiszniowski and released by Peter Elbau at:

http://bukowina.info/Buchhandlung.html

Die älteste Radautzer Buchhandlung
(Franz Wiszniowski, “Radautz”)

Im Jahre 1872 eröffnete der am 11. Dezember 1830 zu Brigidau in Galizien als Sohn des dortigen evangelischen Pastors geborene Julius Kirner in dem etwas über 9000 Einwohner zählenden Radautz die erste Buchhandlung. Es war für die damaligen Verhältnisse ein gewagtes Unternehmen, weil die aus deutschen Handwerkern, rumänischen Bauern und jüdischen Handelsleuten bestehende Bevölkerung kein Interesse und die Beamten- und Lehrerschaft, zumeist deutscher und polnischer Nationalität, ein nur sehr geringes Interesse für literarische Erzeugnisse hatten. Da aber ein rein buchändlerischer Betrieb nicht die geringste Aussicht auf Rentabilität hatte, war Kirner genötigt, in seiner Buchhandlung auch andere Artikel, wie Schreibwaren, Musikalien, Spielwaren, Musikinstrumente samt Zubehör, Bilderrahmen und Galanteriewaren, zu führen. Das Unternehmen gewann, zumeist vom Land, aber auch aus den Städten Sereth und Suczawa, einen ständig wachsenden Kundenkreis, wobei sich der Galanteriehandel am einträglichsten erwies. Trotzdem betrachtete Kirner den Buchhandel als den eigentlichen Mittelpunkt seines Unternehmens, dem er seine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Kirner wagte sich sogar an ein Verlagsunternehmen, indem er im Jahre 1875 das Epos “Nogaja oder die Steppenschlacht” des Radautzer Gymnasialdirektors und Bukowiner Heimatdichters Ernst Rudolf Neubauer, mit dem er befreundet war, herausgab. Dieses Unternehmen endete allerdings mit einem Mißerfolg.
Erst 41 Jahre alt, starb Kirner am 9. Oktober 1876. Da seine Schwester, die Postbeamtin Hamm, die die Buchhandlung erbte, weder Kenntnisse noch Zeit für die Leitung des Geschäfts hatte, bestellte sie einen Geschäftsführer, dem es aber an der nötigen Pflichttreue fehlte, so daß das Geschäft immer mehr zurückging, die Schulden aber immer größer wurden.
Im Jahre 1891 verkaufte Frau Hamm die Buchhandlung an den Radautzer jüdischen Kaufmann Chaim Menschel. Da dieser kein Fachmann war und auch keine Studien nachweisen konnte, erhielt er die Konzession für die Ausübung des Buchhandels nur aufgrund eines ihm von Neubauer ausgestellten Gefälligkeitszeugnisses. Menschel gelang es, sich auf dem ihm ungewohnten Boden zurechtzufinden und das Geschäft, obwohl er sich immer mehr auf den Handel mit Schulbüchern und Schreibwaren beschränkte, trotz der Konkurrenz – inzwischen waren die Buchhandlungen Botta (die spätere Buchhandlung Herzberg), Hirsch, Rosenstock, Hardt, Kunstadt und Reinhold eröffnet worden – wieder hochzubekommen. Nach einigen Jahren überließ Menschel, der auch Besitzer einer Weinstube war, die Leitung der Buchhandlung seiner Ehefrau, die sie mit dem Gehilfen Nathan Herer bis zu ihrem Tode führte.
Nach dem Tode seiner Ehefrau verkaufte Menschel die Buchhandlung im Jahre 1909 an den rumänischen Bezirkslehrerverein Radautz. Der neue Eigentümer, eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung, stellte zunächst viel zuviel Personal ein, bestellte dann Schreibwaren in so großen Mengen, daß trotz des Umsatzes noch ansehnliche Mengen übrigblieben und ergänzte schließlich das Lager mit allerlei Krimskrams, wie Schallplatten, Uhren, Nippsachen, Sportgeräten, Spielwaren, Parfümerien und Totenkränzen. Zu all dem beanspruchten die rumänischen Lehrer als Mitglieder des Vereins die Einräumung ausgedehnter Kredite, so daß die Lieferungen nicht bezahlt werden konnten.
Da die Weiterführung des Unternehmens keinen Sinn mehr hatte, wurde die Buchhandlung im November 1912 an die Firma “Universitätsbuchhandlung H. Pardini in Czernowitz”, deren Inhaber Frau Jos. Engel und Fritz Schledt waren, verkauft, die sie als Filiale durch einen Geschäfstführer, zuerst Kaiper dann Rieber, führen ließen. So kam die Buchhandlung wieder in deutschen Besitz. Im Juni 1914 lösten Frau Engel und Herr Schledt den Gesellschaftsvertrag und Schledt, der nach Radautz übersiedelte, übernahm die Radautzer Filiale als selbständiges Unternehmen. Während des Ersten Weltkrieges, in dem Schledt Kriegsdienste leistete, führte Frau E. Schledt das Geschäft. Gleich nach der Übernahme der Buchhandlung hat Schledt den Betrieb auf den reinen Buch- und Papierhandel umgestellt. Nach dem Krieg hat er auch den Verkauf von Papier- und Schreibwaren sowie von rumänischen Büchern eingestellt und sich dann als einziger Buchhändler in ganz Rumänien ausschließlich auf den Verkauf und die Lieferung von deutschen Büchern und Zeitschriften beschränkt. Unter anderem belieferte er auch den rumänischen König Carol II. mit deutschen Büchern.
Die Buchhandlung verfügte, wie nur wenige in Rumänien, über ein ausgezeichnetes Katalog- und Nachschlagmaterial, das über alle Werke des deutschen Verlagsbuchhandels Auskunft gab. So war aus der ältesten Radautzer Buchhandlung eine deutsche Buchzentrale entstanden, die mit den modernsten Mitteln, wie sie damals in Deutschland zum Teil erst zur Diskussion standen, arbeitete. Dazu gehörten auch die Buchausstellungen, die Schledt in Czernowitz und Radautz veranstaltete, ferner die Herausgabe der “Bursa cartilor”, d. h. eines Bücheranzeigers für Rumänien, der die mangelnde Biographie der in Osteuropa erschienenen Bücher ersetzte, sowie eines Einblattkataloges. Auch veranstaltete Schledt Wanderausstellungen im Auto, die für Dorf und Stadt bestimmt waren. Mit der Buchhandlung war eine Leihbibliothek verbunden, die mit über 3500 Werken die größte in Radautz war.
Im Jahre 1930 ließ Schledt in der Radautzer Buchdruckerei “Arta” den “Radautzer Kalender” für das Jahr 1931 mit einem interessanten Inhalt drucken, der aber nicht zur Ausgabe gelangte.
Diese älteste Radautzer Buchhandlung, die sich dank der Geschäftstüchtigkeit ihres letzten Besitzers zu einem rein deutschen Unternehmen, das sich sehen lassen konnte, entwickelt hatte, mußte nach genau 60 Jahren liquidiert werden. Ende Dezember 1931 wurde Schledt aufgrund einer unüberlegten Anzeige einer deutschen Frau wegen dringenden Verdachts eines Verbrechens in Untersuchungshaft genommen und vom Radautzer Tribunal am 18. Januar 1932, trotz erwiesener Unschuld, zu einer Gefängnisstrafe von vier Monaten verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wurde Schledt als nichterwünschter Ausländer – er war deutscher Staatsbürger – des Landes verwiesen. Seine Ehefrau war daher gezwungen, das Eigenheim und die Bücher zu verkaufen und mit ihren Kindern zu ihrem Ehemann nach Deutschland zu übersiedeln.