At the Jewish Cemetery of Sadagora

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“Bukovina is in every sense a paradox. Everything is upside down here. It almost seems as if this topsy-turvy element had to belong to the nature of this land, as if its character was to consist of this. Everyone feels that Bukovina is something special, not to be put on a level with the other crownlands and that its cultural ties also have a certain nuance of their own,  something different from the ordinary. Yet, they only feel. What this character is, however, very few have so far attempted to fathom.”

This is a citation of Dr. Max Rosenberg from Czernowitz from the year 1914, preposed by H. F. van Drunen to his thesis “‘A Sanguine Bunch’ – Regional Identification in Habsburg Bukovina, 1774-1919” (Book of the Month, January 2015):

http://czernowitzbook.blogspot.de/2015/01/a-sanguine-bunch.html

One year later, in 1915, under the impression of the devastations caused during the Russian occupation, Dr. Max Rosenberg is visiting the Jewish Cemetery of Sadagora and his impressive report – see above – was published by the prestigious “Pester Lloyd” from Budapest on April 20, 1915:

Auf dem Judenfriedhof von Sadagora. Von Dr. Max Rosenberg (Czernowitz).

Am nördlichen Ende Sadagoras, in der Ecke einer weiten Wiese, ein kleiner, früher umfriedet gewesener Platz. Drinnen die charakteristischen weißen Steine, dicht nebeneinander gestellt, wie betende Juden gegen Osten gewendet. Es ist der Judenfriedhof Sadagoras. Ganz still liegt er jetzt da. Wer ihn betritt, hat aber das Gefühl, als ob jedes Stückchen aufgeworfenen Lehms gar manches erzählen könnte. Viel hat dieser abgeschiedene  Ort in der letzten Zeit erdulden müssen. Südlich vom Friedhof liegt das jüdische Städtchen mit seinen niedrigen, von Schindeldächern bedeckten Häusern und den engen winkeligen Straßen. Dort haben die Russen, als sie hier Herren waren, gewütet. Dieser kleine, tote, stille Judenfriedhof gewährt den Eindruck, als wollte er all das wieder erzählen, was der kleine Judenort da unten gelitten.

Nicht nur die Lebenden haben die Russen mißhandelt, auch vor den Toten hat ihr Wüten nicht Halt gemacht. Die Wohnstätte der Lebenden haben sie vernichtet, und die Ruhestätte der Toten haben sie verwüstet.

Durch die öden Straßen, an Häusern mit eingeschlagenen Scheiben und zerbrochenen Einrichtungsgegenständen vorbei, weinenden Bettlern begegnend, die um ihre verlorene Habe trauern, komme ich zu dem stillen Ort. Um die jüdischen Friedhöfe Osteuropas weht eine so unsägliche Wehmut! Sind es die weißen Leichensteine? Ist es die schmucklose, dabei doch ergreifende Umgebung? Sind es die halbverwitterten  Runen, die in die weißen Sandsteine gemeißelt sind? Ist es das Grauen der absoluten Ruhe? Ich weiß es nicht. Eines ist gewiß: diese Friedhöfe atmen eine düstere Trauer, der sich niemand zu entwinden vermag.

Dem Besucher des Friedhofes von Sadagora bietet sich heute ein Bild der Verwüstung. Es ist, als ob eine rauhe Hand die Stätte des Todes aufgewühlt und das ruhige Sterben verhindert hätte. Nicht der ruhige, sanfte Tod ist es, der hier schläft. Es ist mehr der Tod nach starken, konvulsivischen Zuckungen, nach vielen Qualen und Schmerzen. Als hätten die Toten hier unter der Erde sich noch einmal erhoben, hätten das Erdreich auf ihren Grabhügeln noch einmal umgeschüttelt, als hätten sie mit Bestien gekämpft, die in ihre Abgeschiedenheit einzubrechen wagten.

Am Eingange des Friedhofes steht ein kleines Häuschen und dicht dabei ein etwas höheres Gebäude. Im Innern des Häuschens eine Kiste neben der andern; alle geöffnet und mit Erde gefüllt. Die Grabstätte der Sadagorer Rabbiner. Die Bretter der Kisten sind weggerissen und auf dem Erdboden liegen kleine viereckige, mit hebräischen Lettern beschriebene Zettelchen umher. An den Trauertagen sind fromme chassidische Juden hergekommen und haben die Zettel in die kleine Oeffnung an der Seite der Kiste hineingelegt. Auf diesen Papierfetzen waren Wünsche und Klagen verzeichnet, die sie ihrem toten Rabbi auf diese Weise mitteilten. Jetzt liegen all diese Zettelchen zerstreut am Boden umher. Von dem kleinen Häuschen trete ich in das größere. Die schwarze Tür öffnete sich knarrend. Das Schloß ist heruntergerissen. Im Innern ein noch ärgeres Bild der Verwüstung als bei der ersten Grabstätte. Das Erdreich ist auch hier verschüttet. Auf dem Boden Erdschollen und Zettel, Zettel und Erdschollen. Ein Zettelchen hebe ich auf. Mit Mühe kann ich die Schrift entziffern. „Bete für uns, daß endlich Friede werde“ sind die einzigen Worte, die darauf stehen. In einer mit Erde bedeckten Kiste ein tiefes Loch. Hier haben Hände gewühlt. Durch die eingeschlagenen Scheiben dieser Grabstätte weht der Wind und rüttelt an den Türen.

Draußen, an dem südlichen Ende des Städtchens, erhebt sich das Haus des Wunderrabbis. Dort haben sie alles zertrümmert, die Einrichtungsgegenstände vernichtet, die Reliquien zerstört. Als sie daran genug hatten, zogen sie nach dem Friedhof und suchten die Grabstätten der Rabbiner auf. Die Kisten, die die Grabhügel bedecken, rissen sie fort und suchten nach Schätzen. Was sie in des Rabbiners Haus gefunden hatten, war ihnen nicht genug. Aber nicht nur die Habgier leitete sie: sie wollten die chassidischen Heiligtümer verletzen.

Drüben in Südrußland wohnen viele  unterdrückte Juden; sie sind zum großen Teile Chassidim und Anhänger der Sadagorer Rabbinerdynastie. An den Feiertagen kommen sie nach Sadagora, um in der Nähe ihres Rabbiners Leid und Unterdrückung zu vergessen. Der Rabbiner und sein Heim sind für diese Armen Trost und Zuflucht. Wenn die russischen Soldaten so vandalisch gegen die chassidischen Heiligtümer hausten, so taten sie es nicht nur, weil es ihnen Freude machte, fremde Heiligtümer zu verletzen, sie taten es auch, weil sie die letzte Zufluchtsstätte der russischen Juden vernichten wollten.

In einem der Häuschen steht ein größerer Kasten, der einen höheren Erdhügel bedeckt. Das Holz, vom Alter gebräunt, spricht von Vergangenheit. Es ist die Grabstätte des Kischiners, des Begründers der Sadagorer Rabbinerdynastie. Einst wohnte dieser Mann in Rußland, wo er viele Anhänger hatte. Der russischen Regierung gefiel dies nicht. Sie verfolgte ihn, strengte gegen ihn Prozesse an. Der Kischiner entfloh seinen Verfolgern nach Sadagora, das einst von dem russischen General Gartenberg gegründet worden war. Die russischen Juden suchten auch weiter ihren Rabbi auf. Die Russen aber konnten ihm nichts anhaben, weil er sich auf österreichischem Gebiete aufhielt. Sie wären damals so gern seiner habhaft geworden: jetzt haben sie ihn endlich in ihre Macht bekommen. Der Kischiner, dem die russischen Soldaten im Leben keine Ruhe gönnten, sollte auch im Tode nicht verschont bleiben.

In einer Ecke des Friedhofes, der Armensünderecke, wo Selbstmörder und gehenkte Verbrecher begraben werden, ein Häufchen frisch aufgehäufter Erde. Da unten lag einer, dem das Leben keine Freude mehr bot. Da nahm er den Strick und erhängte sich. Er hätte jetzt Ruhe gehabt, wären nicht die Russen gekommen. In der Nacht zogen sie nach dem Friedhof, gruben das Grab des Selbstmörders auf und durchsuchten die Leiche. Sie hofften Schätze zu finden, doch was sie antrafen, waren nur Reste schmutziger Leinwand und Leichenteile. Als sie ihre Hoffnung enttäuscht sahen, warfen sie die Leiche neben den Grabhügel und ließen sie liegen. Raben kamen und stachen in die moderigen Teile ihre Schnäbel, der winterliche Sturmwind blähte die Leinwandfetzen, Kosaken traten sie mit den Füßen. Erst nach einiger Zeit kamen Juden und verscharrten den Leichnam. Jetzt ist der Grabhügel wieder zugedeckt und die müden Gebeine ruhen.

In der Mitte des Friedhofes erheben sich einige Lehmhäufchen. Niedere Grabhügel. Kein Zettelchen verrät, wer da unten ruht. Aber die Sadagorer wissen, wer hier bestattet wurde.

– Hier liegt Kalman Retter, sagt mein Begleiter.

– Wer ist Retter?

– Sie kennen ihn nicht? gibt er die Frage zurück. Welcher Sadagorer kennt Kalman Retter nicht?

Und ich erfahre die Geschichte des Toten. Er war der angesehenste Bürger Sadagoras. Eines Nachts kamen Kosaken zu ihm und verlangten 50.000 Rubel. Er beteuerte, er besitze so viel Geld nicht. Die Kosaken glaubten ihm nicht und erstachen ihn.

– Da weiter liegt Liquornik, erzählt mein Begleiter. Er hat mehr gelitten als alle anderen. Kosaken tranken seinen Wein, und als sie genug getrunken hatten, verlangten sie nach seinem Weibe. Als Liquornik flüchten wollte, sandten sie ihm einige Gewehrkugeln nach. Er war sofort tot. Seine Leiche ließen sie einige Tage auf der Straße liegen. Niemand durfte sie bestatten. Die Juden des Städtchens konnten es nicht ertragen, daß einem der Ihren nicht „sein Recht“ getan werde. Sie bettelten beim Kommandanten, und nach langem Bitten gestattete dieser, daß die  Leiche in das Haus getragen und dann bestattet werde.

– Und dort liegt ein anderer, der dasselbe Schicksal gefunden hat, und dann weiter links noch einer. Die Erde deckt sie alle. Eine Gräberreihe der durch Russenhand Ermordeten. Sehen Sie, das ist Sadagoras Erinnerung an die Russenzeit.

Der Jude entfernt sich mit einem Seufzer und läßt mich allein.

Weiter links ein umgeworfener Grabstein. Eine gewalttätige Hand hat ihn ausgehoben, hat das Grab durchwühlt und nach Geld gesucht. Dann wieder rechts eine Anzahl kleiner Gräber. Die Angehörigen dieser Toten haben nicht Geld genug, Grabsteine zu errichten. Kleine, verwitterte Holzplättchen vertreten die Stelle von Gedenksteinen. Die meisten Plättchen sind umgeworfen, die Bretter, die das Ganze bedeckten, weggerissen. Da haben die russischen Soldaten gegraben, bis sie den Leichnam erreichten. Hier glaubten sie Schätze zu finden. Die Törichten wußten nicht, daß Sadagorer Juden im Leben Bettler sind und auch im Tode nichts haben. Wenn sie sterben, werden sie nicht im Sarge zu Grabe getragen. Nur ein Brett wird auf den Boden des Grabes gelegt, dann wird die Leiche hinuntergelassen; drei Bretter decken den Toten zu. Die Sadagorer frommen Juden denken daran, daß sie aus Erde geschaffen wurden, und rasch wollen sie wieder zu Erde werden. Ein Sarg würde die Auflösung verlangsamen.

Bei diesen Toten haben die Russen Schätze gesucht. Da sie nichts fanden, haben sie die Grabstätten zertrümmert, die Grabdeckel weggeschleudert und die Erdhügel umgeschüttet, damit niemand wisse, wo einst die Toten lagen.

Auf dem freien Platze, der mit Grabhügeln noch nicht ganz bedeckt ist, zieht sich eine frische Gräberreihe hin. Nur einige Häufchen Erde. Hier ruhen jene, die während der Russenzeit eines natürlichen Todes gestorben sind, die das Glück hatten, ihres Lebens nicht gewaltsam beraubt zu werden. Die seelische Erregung, die sie während der Russentage in Sadagora durchmachten, hat sie hingestreckt. Als sie begraben waren, kamen nachts die Soldaten und schaufelten die Gräber wieder auf, um nachzusehen, ob ihnen nicht irgendwelche Schätze ins Grab mitgegeben worden waren.

Ich wandere zum Ende des Friedhofes. Ende? Niemand weiß, wo der Friedhof beginnt und wo er endet. Die Bretter, die die Grabstätte der Toten umzäunten, sind ausgehoben worden. Kein Zaun ist geblieben. Nur hie und da verraten einige Latten, daß hier einst eine Friedhofumzäunung stand.

Es ist ganz stille. Nur das Sausen des Windes, der durch die Ebene braust, klingt als feiner, dünner Ton von fernher an mein Ohr. Es klingt wie Wimmern und Klagen der Toten, deren Gräber geschändet wurden. Auf einem Baumstumpf hocken mehrere Raben, zuweilen läßt einer seine heisere Stimme hören. Auf und ab schaukeln die schwarzen, unheimlichen Vögel, bewegen die Schnäbel, fliegen manchmal auf eine Grabstätte und dann wieder zu ihrem Baumstumpf. Sie scheinen etwas zu vermissen, was sie einst besessen haben und wonach sie sich sehnen. Vor kurzem haben sie an dieser Stätte ihre Schnäbel in Leichenfleisch stecken können. Jetzt suchen sie die Stätte vergebens.

Ich lasse den Blick umherschweifen und der Satz des Frankfurter Chronisten über plündernde Kreuzfahrer, die das Judenviertel einer rheinischen Stadt heimgesucht hatten, kommt mir in den Sinn: „Die Unholde hatte nicht genug daran, daß sie auf den Straßen mordeten und plünderten. Selbst die Toten hatten vor ihnen nicht Ruhe. Sie zogen auf den Judenfriedhof, öffneten die Gräber und schändeten die Leichen.“

Vor nahezu tausend Jahren, im finsteren Mittelalter geschah dies, und heute verfahren Verbündete zweier Kulturnationen im Zeitalter der Flugmaschinen nicht anders. Sie behaupten dabei, für die Kultur zu kämpfen.

Der Judenfriedhof Sadagoras ist zum Kulturdenkmal geworden.

Aus meinem Sinnen reißt mich ein seltsam murmelndes Geräusch. Eine menschliche Stimme, die eintönig etwas vor sich hinsagt. Ich blicke um mich und gehe der Stimme nach.

Zwischen den Grabsteinen, vor einem alten verwitterten Grabmale steht ein alter Jude. Eine Ahasvergestalt. Sein Auge blickt wirr, seine Wangen sind blaß und durchfurcht. Seine langen Haarringel werden durch den Wind bewegt. Der schwarze Kaftan läßt die Gestalt noch höher erscheinen als sie in Wirklichkeit ist. Der Oberkörper bewegt sich hin und her, die Hände hängen schlaff an der Seite herab. Nur die Lippen murmeln ein eintöniges Gebet. Mit Mühe kann ich die einzelnen Laute verstehen. Dieser Jude hat von den Russen viel zu leiden gehabt. Jetzt sucht er Trost bei seinen Toten auf dem Friedhofe. Ich höre die chaldäischen Worte: „Verherrlicht und geheiligt werde sein großer Name in der Welt.“ Und dann schließt er mit den Worten: „Er stifte Friede über uns.“ Bei den letzten Worten umarmt er den Stein und Tränen rinnen ihm aus den Augen, während er zitternd die letzten Worte wiederholt: „Er stifte Friede über uns.“

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