Category Archives: Literature

Marion Tauschwitz – Author of the Year 2015

ausschnitt

Autorinnenvereinigung e.V.: Die Autorin Marion Tauschwitz, bekannt durch Bücher wie ,,Hilde Domin – Dass ich sein kann wie ich bin‘‘ oder ihr neustes Werk ‚‘‘Selma Merbaum – ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben‘‘, welches schon jetzt zur Weltliteratur zählt, wurde von der Autorinnenvereinigung einstimmig zur Autorin des Jahres 2015 gekürt. „ Als Autorin verkörpert Marion Tauschwitz das, was die Autorinnenvereinigung von ihren Mitgliedern erwartet: Engagement, nicht nur beim Schreiben sondern auch im Alltag, im Politischen“, erklärt Ute Hacker die Entscheidung des AV-Vorstands. Tauschwitz, geboren 1953 in Freiberg, studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Bevor ihre Karriere als Autorin & Schriftstellerin begann, arbeitete sie unter anderem als Gymnasiallehrerin und Dozentin. Als engste Vertraute und Mitarbeiterin der Lyrikerin Hilde Domin war Tauschwitz in der Lage, eine vielbeachtete Biografie über sie zu schreiben. Ihre neueste und sehr bewegende Biografie über die ukrainische Dichterin Selma Merbaum, die mit nur 18 Jahren in einem deutschen Zwangsarbeitslager ums Leben kam, wurde durch jahrelange Recherche zu einer spannenden, wissenschaftlich fundierten Biografie. Darüber hinaus schreibt Tauschwitz sowohl Novellen wie auch Essays. Seit geraumer Zeit ist Marion Tauschwitz Mitglied in der Autorinnenvereinigung e.V., von der sie jetzt einstimmig zur Autorin des Jahres 2015 ernannt wurde. Das internationale Netzwerk für deutschsprachige Autorinnen und Schriftstellerinnen aus verschiedenen Genres setzt sich für mehr weibliche Präsenz in der Literatur ein. Die Mitglieder geben öffentliche Lesungen und halten Vorträge zu literarischen Themen. Überdies veranstaltet die AV jährlich den Goldstaub-Wettbewerb in den Genres Lyrik und Prosa, vergibt Projektstipendien und kürt die Autorin des Jahres, um nur ein paar ihrer Schaffensfelder zu nennen. Für diesen Anerkennungspreis werden jährlich viele Autorinnen und Schriftstellerinnen, basierend auf ihren herausragenden Leistungen nominiert. So erging es Marion Tauschwitz. Marion Pelny, ebenfalls Autorin und Beirätin der Autorinnenvereinigung, schlug sie nicht nur wegen ihrer bemerkenswerten Veröffentlichungen, sondern auch wegen des damit verbundenen politischen Engagements vor. Der Vorstand stimmte dem voll und ganz zu und wählte Marion Tauschwitz einstimmig. Die offizielle Vorstellung und Preisverleihung wird im Rahmen der Jahrestagung der Autorinnenvereinigung e.V. am 24. Oktober in Göttingen stattfinden.

ADDITIONAL LINKS:
http://marion-tauschwitz.de/
http://www.autorinnenvereinigung.eu/verein/news.html

Bershad Orphanage Poem by Edith (Ditta) Pomeranz

From Ruth Glasberg Gold
The writer, Ms. Edith (Ditta) Pomeranz was a volunteer at the Bershad orphanage during the war. The poem is in German — it is so difficult to translate a poem, but I do hope someone will attempt it for those who cannot read German…
Ruth

Meinen Kindern aus dem Berschader Kinderheim

Ihr Kinder vom Orfelinat
Die ich so tief ins Herz geschlossen
Für die, seit ich gewesen in Berschad
So viele Tränen hab vergossen.
Euch schreib ich ein’ge Zeilen heut
In Liebe und mit Zärtlichkeit.
Wer weiß, wohin der Schicksal Euch zerstreut
Und ob zu Ende ist schon Euer Leid.
Ihr Kinder, meine teuren, lieben
Habet vergessen gar am Ende, die
Die Euch gelehrt, für Euch geschrieben
Lieder, Stücke und wohl manche Poesie.
Henny Granierer, Du mein Sorgenkind
Die Du so schön gesprochen hast und klug,
Behandelt endlich Dich das Schicksal lind
Gelitten hast Du wirklich schon genug.
Milu und Leibale, Ihr Künstlerpaar
So talentiert und noch so klein
Vielleicht werdet Ihr mal nach Tag und Jahr
Wirklich mal große Künstler sein.
Hawale Buchman Zigeunerin kleine
Geruht haben Deine Hände nie.
So fleißig wie Du, war wirklich mehr keine
Du scheutest niemals vor Arbeit und Müh.
Pyragowski Willi, der Klasse Stern
Besuchst vielleicht heute die Schule nicht mehr
Daß Du – wie würde ich’s hören so gern –
Deine Lehrer auch heute begeisterst so sehr.
Auch möchte ich wissen, ob Du noch vereint
Mit Joszy Faust, unsern Langen,
Ob er auch heute noch Dein Freund
Weil Ihr einander so eng habt gehangen.
Im Geiste hör ich Dich, Mizzi Weistal,
Du singst so traurig, immer wieder.
Sag, liebe, kleine Nachtigall,
Singst Du noch jene traurigen Lieder?
Rossy Schermann, goldblondes Mädl,
Auch Du hast mir oftmals Freude gebracht,
Du hattest wohl einen holzigen Schädl
Doch hast Du dann alles besser gemacht.
Sternberg Luzer, Du junges Genie
Schreibst noch imer Gedichte und Dramen
Noch kenne ich Deine Tragödie
Bei der man geweint hat “Die Mame”.
Ruth Glasberg, Srul Rennert, Poldi Kirmayer
Geschwister Körner und die, die ich nicht genannt
Ihr seid mir alle, alle gleich teuer
Und meinem Herzen immer verwandt.
Euch allen hab’ich das geschrieben
Vergesst nicht, wenn das Leben und die Zeit
Uns wieder auseinandergetrieben
Daß Ihr alle meine Kinder seid.

Edith Pomeranz
(Hreaţca, 14-III-1945)

Here below is a photo of Ditta and her husband taken in Romania in 1948
DitaBubi1948

To My Children in the Bershad Children’s Home

A Poem by Edith Pomeranz, translated from German by Bianca Rosenthal

You children from the orphanage
Whom I enclosed so deeply in my heart
For whom since I have been in Bershad
I have shed so many tears.
Today I write to you a few lines
With love and with tenderness.
Who knows to where fate will displace you
And whether your suffering will have reached an end.
You children, my dear and beloved ones
Perhaps, alas, you have forgotten those
Who taught you, wrote for you
Songs, plays and most likely a lot of poetry.
Henny Granierer, you my child of sorrows
You, who spoke so beautifully and wisely,
Does fate finally treat you kindly
Since you already suffered enough.
Milu and Leibale, you two artists
So talented and still so young
Perhaps some time later
You will become great artists.
Hawale Buchman you little gypsy girl
Your hands never stood still.
As diligent as you was indeed no other girl
You never shied away from work and toil.
Pyragowski Willi, the star of the classroom
Perhaps you no longer attend school
That you—How much would I like to hear this–
Still enthrall your teachers.
I also would like to know, if you together
With Joszy Faust, our tall one,
Whether he still is your friend
Because you were such close friends before.
In my mind I hear you, Mizzi Weistal,
You are singing so sadly, again and again.
Tell me, you dear little nightingale,
Do you still sing those sad songs?
Rossy Schermann, golden blonde girlie,
You too brought joy to me many times
While having a stubborn mind
But then you did everything much better.

Sternberg Lazar, you young genius
Are you still writing poems and dramas
I still remember your tragedy
That made everybody weep “Die Mame”.
Ruth Glasberg, Srul Rennert, Poldi Kirmayer
Brothers and sisters Körner and all those that I did not mention
All of you, yes all, are equally dear to me
And always congenial to my heart.
I wrote all this for all of you
Do not ever forget, when life and time
Should separate us again
That you all are my children.

Edith Pomeranz
(Hreatca, 14-III-1945)

Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben

cache_2449382754

Gabriele Weissmann: On Monday night the reading for Marion Tauschwitz’s new book “Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben” [I had no time to finish writing] took place at Berlin’s big book-store, Dussmann. Organized as a dialogue between Marion Tauschwitz and the well-known (and beautiful actress)  Iris Berben, introduced by the publisher. The room was packed, and the interest great. Selma’s poems are already quite well-known in Germany and often read in schools. They both read from the book, Marion Tauschwitz also giving a general view of her search for Selma’s background and  Iris  Berben spoke of her love for the poems. She was deeply impressed when she read them in Czernowitz, in the Chessed Shoshana hall, with Prof. Rychlo interpreting.  Berben then read “Poem”, in a personal, very moving manner, in which Selma’s  yearning for love, for life, her sensibility, her premonitions, are so well formulated.   At the end Iris Berben read part of her well-written introduction. Tauschwitz’ book is an insider’s view of Selma’s life and writing, with very accurate research into the family history. She has searched  family records,  read intensively documentation and literature on the subject, interviewed  persons in Europe and Israel, has corrected irregularities including Selma’s correct name. She describes Selma’s strong personality against the background of the social, cultural and political influences on the young girl’s spiritual development.  Her sensitive poetry, her hunger for life, her political views and her sight of the tragic events which took place in the last years of her life. The tragedy of the concentration camps… Selma, through Marion Tauschwitz’s book has become alive again. Her poems are world literature. A lot of applause at the end, and people literally rushed with the books for signature.

Marion Tauschwitz and Iris berben at Kulturkaufkaus Dussmann, Berlin, on 29.09.2014

Ein Radiobeitrag der ARD-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski,

auf amazon die ersten Leserstimmen,

sensibel die Einschätzung auf haGalil von Ramona Ambs,

auch ein Literaturblogger hat Selma Merbaums Biografie schon gelesen,

und auch avivia – online magazin hat genau gelesen,

weiterhin eine Rezension von Christel Wollmann-Fiedler.

Read more on Marion’s (litera)tour guide for October/November 2014 at:
http://www.marion-tauschwitz.de/lesetermine/

Czernowitz-5-13 2782

She [Sonja Jaslowitz] did not survive to have her history recorded…

web_holocaust_RalfCheung

During a lecture on “The Concept of Postmemory”, Marianne Hirsch raised the question to an intimate audience in Doheny Memorial Library in L. A. on April 25, 2013: “She [Sonja Jaslowitz] did not survive to have her history recorded, but we have her testimony in the form of her poems, but what are we to do with them?” – Click here for the full article at Daily Trojan.

In addition, Marianne Hirsch brought to us Judith Aistleitner’s and Marianne Windsperger’s (German) article on “Die Poesie der Sonja Jaslowitz” [Sonja Jaslowitz’s Poetry], published in the December 2013 edition of Zwischenwelt (Click on the logo for the full article!).

Zwischenwelt_2013-02_Web_homepage
Marianne Hirsch: “Sadly, this article came out after the death of Harry Jarvis, I wish he could have seen it! At least he did get to see the four poems Florence published in French. I am still working on publishing her Romanian poems in Romania. I have also asked Marianne Windsperger to correct the facts here — Sonia and her parents were in Cariera de Piatra before they were relocated to Tiraspol.”

Lecture by Prof. Peter Rychlo

Rychlo-Bln1-14 041

Dear friends,
On Tuesday we went to a lecture held by Professor Rychlo from the
University of Czernowitz, from the beginnings of the city, its history,
its culture, with special emphasis to the Jewish literary scene,
starting with Margul-Sperber, Kittner, Rose Ausländer, and continuing
until the younger generation, i.e. Weissglas, Celan, the Yiddish poets
Itzhik Manger and Eliezer Steinbarg.
The lecture took place in a beautiful book-store, with a huge variety of
classical and modern literature. Two days later, Peter Rychlo continued
his tour with a similar lecture at the Jewish Community Center, which he
held in Russian, probably to a public of many ex-Czernowitzers who
emigrated in the past 20 years to Berlin.
Gabriele

Three Poems by Klara Blum aka Zhu Bailan

Jung-Czernowitz

Da, wo die Gäßchen sich zusammenzogen,
Der Witz das eigne Unglück höhnte wild,
Wo sich der Armen Rücken keuchend bogen,
Die Not sie an den Schläfenlocken hielt-

Wo ich einst stand in tobenden Gedanken,
Die Stirne angepreßt dem Mauerstein,
Wirr, achtzehnjährig, doch schon ohne Wanken,
Entschlossen, mir zu folgen ganz allein-

Da steht nun, achtzehnjährig, eine zweite,
(Ich sah sie nie und seh sie dennoch gut.)
Ihr Auge überglänzt die freie Weite,
Der Weite Glanz auf ihrer Stirne ruht.

Schlank die Gestalt und stürmisch die Gebärde,
Die Brauen grüblerisch, gebräunt die Hand.
Aus ihrer Stimme tönt die Heimaterde,
Befreites, völkerbuntes Buchenland.

Du hörst darin der Doina Wohllaut klingen,
Treuherzig summt dazu ein Schwabenlied,
Es rauschen der Ukraine Sturmeschwingen,
Indes der Judenscharfsinn Funken sprüht.

Da, wo die Armen einst in Ghettogassen
Dem Brot nachspürten, listig, ängstlich-dreist,
Da greift sie heut zur Arbeit, stolz gelassen
Und ruhig, stolz entfaltet sich ihr Geist.

Wo im Kasino bunte Lichter lohten:
“Ihr seid zur Schmach bestimmt, drum haltet still”,
Wo mich der Heiratsmarkt einst feilgeboten,
Da wählt sie heut zum Gatten, wen sie will.

Die Buchen wiegen ihre Vogelnester,
Der frische Pruth die freie Stadt umfließt-
Gegrüßt sei, schöne unbekannte Schwester,
Du junges Czernowitz, sei mir gegrüßt.

793439-d9b0592d7beed2fa0150b2f32a55ea27

Czernowitzer Ghetto

I
Die alten Gäßchen ziehn sich eng zusammen.
Der Boden hinkt und holpert im Zickzack.
Aus schweren Leuchtern zucken kleine Flammen.
Der Witz treibt mit dem Unglück Schabernack.

Die Augen funkeln, doch die Wangen blassen,
Der Kaftan reißt, die Schläfenlocke bebt,
Wenn, halb erstickt in seinen Pariagassen,
Ein Volk noch stöhnend, höhnend weiterlebt.

Die Mauer fiel vor mehr als hundert Jahren,
Und dennoch blieben sie im dumpfen Nest.
Das Elend hielt sie an den Schläfenhaaren
In ihrem engen alten Ghetto fest.

II
Für manche schlug die Befreiungsstunde
– Sie waren einflußreich und satt und breit -,
Da lobten sie den Herrn aus vollem Munde
Und lobten ihre aufgeklärte Zeit.

Sie zogen vornehm in die Gartenstraßen
Zur Nachbarschaft mit Oberst und Bojar.
Man mißt sie nicht mit den gewohnten Maßen.
Sie sind “zwar” Juden, aber – annehmbar.

Bunt leuchtet abends der Kasinogarten,
Und die Kapelle spielt rumänisch heiß,
Blasiert betrachten sie die Speisekarten,
Sie sind ein lauter, selbstbewußter Kreis.

Es klingt ihr Deutsch zerdehnt, verfärbt, verbogen,
Geflickt mit Slawentrotz, Romanenglut,
Buntscheckig Narrendeutsch, von Leid durchzogen,
Vergessnem Leid, das fern im Ghetto ruht.

Die alte Klage dehnt noch ihre Sprache,
Pogrom und Schimpf und Wandern ohne Rast.
Doch längst vergaßen sie schon Groll und Rache,
Und der Feudalherr ist ihr lieber Gott.

Sie sitzen da, sie nehmen ihn zum Muster,
Ihr Stolz wird schwach, die Arroganz erstarkt,
Sie sind ein Kreis, ein lauter, selbstbewußter,
Sie sind ein schamlos lauter Heiratsmarkt.

Was soll ich tun? Kann ich den Lauf nicht ändern?
Mein vorbestimmter Gatte sitzt vor mir.
Und drüben, aus den dunklen Augenrändern,
Da starrt und starrt der blaue Offizier.

Man sagt ihm nach, er jagt nach leichten Freuden,
Man sagt, er kommt und sieht und spielt den Herrn,
Man sagt, er kann wohl keine Juden leiden,
Doch ihre Frauen, sagt man, nimmt er gern.

Die Fraun, die in den Gartenstraßen wohnen –
Leer ist ihr Leben, ein geputzter Zwang.
Sie girren laut, sie suchen Sensationen,
Wohin denn sonst mit ihrem Tatendrang?

Und die Musik spielt auf mit heißem Klingen
Und dringt betäubend in die Sinne ein,
Ich hab geträumt, einst Großes zu vollbringen,
Und so – und so wird nun mein Leben sein.

Zuerst gewiß der legitime Gatte
Und dann der Advokat, der kluge hier,
Und dann Papas Geschäftsfreund, dieser glatte,
Und dann – dann kommt der blaue Offizier.

Ich bin vom Tische plötzlich aufgesprungen
– Zum Glück gibt niemand in dem Lärmen acht -,
Ich renne, renne mit gehetzten Lungen,
Ich renne meine Antwort durch die Nacht.

III
Die halbe Stadt hab ich im Zorn durchlaufen.
Ich bin am Ziel. Gleichgültig scheint der Mond
Auf einen dunklen morschen Häuserhaufen,
Darin bedrückt, erstickt der Paria wohnt.

Die alten Gäßchen ziehn sich eng zusammen,
Der Boden hinkt und holpert im Zickzack:
Plebejerwiege, der wir doch entstammen,
Wir im Kasino, protzenhaftes Pack.

Was sind wir? Abklatsch von feudalen Puppen,
Hier aber ringt und grübelt und erkennt,
Genährt, gereizt von ihren Bettelsuppen,
Die Kraft, die einst die Welt ihr Eigen nennt.

Es schärft sich gut die Logik dem Genarrten,
Das Rechtsgefühl dem, der ein Unrecht litt.
Heiß brennt der Stolz des Menschen, den mit harten
Gespornten Stiefeln man zu Boden tritt.

Ich bin dein Kind, du alte Judengasse,
Und lern aus allem, was mein Volk erfährt.
Stark, wenn ich denke, stärker, wenn ich hasse,
Aus jeder Schwäche schmiede ich ein Schwert.

Lehr du mich, lehr, von hier mich loszuringen,
Mühsal zu tragen, Hunger, Krankheit, Leid
Und alle Fragen, alle zu bezwingen
Allein mit meiner wilden Redlichkeit.

An deine Mauer drück ich meine Stirne.
Von heute an gehorch ich mir allein.
Folg meiner Galle. Folge meinem Hirne.
So geh ich recht. Es kann nicht anders sein.

pbooooz

Der Wunderrabbi von Sadagura

Man raunt: er kann Geburt und Tod erzwingen,
Auf einem Tüchlein fährt er übers Meer,
Sein Lächeln wird dir Glücksgeschäfte bringen,
Sein Zornesblick macht deine Taschen leer.
Man geht zu ihm mit Klagen und Beschwerden,
Verlassne Fraun und Händler vorm Bankrott.
Es ist nicht leicht: von ihm empfangen werden.
“Ein andermal, der Rabbi spricht mit Gott.”

Sein Haus ist voll von altem, schwerem Prunke,
Der Sabbathleuchter glänzt vor Kostbarkeit,
Kunstvolle Becher neigen sich dem Trunke,
Und sein Gebet, es trägt ein seidnes Kleid.

Er lehnt am Fenster mit gefurchter Stirne.
Es zittert leise sein gepflegter Bart.
Er weiß: Nicht mehr gehorchen ihm die Hirne
Wie einst, durch seine bloße Gegenwart.

Sie gehn vorbei mit hohnverhaltnen Gesten,
Die Kränkung sticht, der fromme Rausch bleibt aus.
Er sieht nicht mehr wie einst in allen Ästen
Die Zeichen der Kabbala, alt und kraus.

Am Horizont, mit violetten Spitzen,
In wilder Schönheit die Karpathen ziehn.
Er weiß von Liedern und er weiß von Witzen,
So spricht man und so singt man über ihn.

Man sagt: tief kann er in die Zukunft schauen,
Ob wahr, ob falsch – bewundert seinen Blick!
Man singt: er heilt die kinderlosen Frauen,
Das tut er gern, das weist er nie zurück.

Es reckt sich hügelig die enge Gasse,
Ein Kind ruft Czernowitzer Blätter aus,
Dort drüben wohnt der Schuster Reb Menasse,
Das ist sein armes, morsches, kleines Haus.

Er hockt vertieft auf seinem Schemelsitze.
Er liest. Der Rabbi kneift die Augen ein.
Er weiß, der macht die allerschärfsten Witze.
Was für ein Buch mag da sein Buch wohl sein?

Ein dickes Buch. Er kaut die schweren Sätze.
Er kommt in Schwung. Er wiegt sich hin und her.
Er prüft und wendet die Gedankenschätze.
Er hat begriffen. Mehr und immer mehr.

Sein Daumen schwingt, der Logik froh, ins Leere.
Er beugt sein heißvergrübeltes Gesicht
Aufs Buch hinab, als ob’s der Talmud wäre.
Der Talmud, Rabbi, aber ist es nicht.

The Genesis of Paul Celan’s “Todesfuge”?

From the renowned biography “Paul Celan: Poet, Survivor, Jew” by John Felstiner, Professor Emeritus of English at Stanford University and author of many standard works on Paul Celan, we learn (p. 28) on the genesis of Paul Celan’s “Todesfuge” as follows:

41T0YA94NEL._SS500_

“Celan once remarked, that ‘Todesfuge’ arose from something he read about Jews playing dance tunes in a Nazi camp. He might have seen a pamphlet dated 29 August 1944, on ‘The Lublin Extermination Camp’ (Maidanek). In July 1944 the Red Army took Maidanek, and what they discovered was publicized worldwide, as propaganda. This pamphlet, issued by Moscow’s Foreign Languages Publishing House, appeared in various cities and languages. Written by Konstantin Simonov, it reports that tangos and fox-trots were played during camp functions, and it contains other details suggestive of ‘Todesfuge’.

scannen0590 bach575
CLICK ON THE FRONT COVERS TO DOWNLOAD PDF VERSIONS OF THE PAMPHLETS

The earliest notice of Celan’s poem may connect it to the Simonov pamphlet. ‘Todesfuge’ first appeared not in German but in Romanian (it was Celan’s first published poem and his first under the name “Celan”). In May 1947, the Bucharest magazine Contemporanul printed Petre Solomon’s translation, prefacing it with the note: ‘The poem whose translation we are publishing is built upon the evocation of a real fact. In Lublin, as in many other ‘Nazi death camps,’ one group of the condemned were forced to sing nostalgic songs while others dug graves.'”

Deathfugue – First Publication (Romanian)

Reasons enough for me to track Konstantin Simonov and – Eureka! – I succeeded to figure out, that Konstantin Simonov visited Czernowitz while touring the fronts in June 1944. His report, headlined “ONLY ONE-THIRD OF CZERNOWITZ’ 80,000 JEWS REMAIN ALIVE, RUSSIAN CORRESPONDENT REPORTS” was published by the Jewish Telegraphic Agency (JTA) on June 21, 1944:

IMG_2269

Is it to keen to assume a possible personal meeting between Paul Celan and Konstantin Simonov during his visit in June 1944? John Felstiner wrote:

“I’m grateful for your sharing the news of his visit, and yes, it’s certainly *possible* they met. But who can confirm it? […] If you look at the Preface of my Celan anthology (Norton), you’ll see he wrote to a Czernowitz exile friend in Russia on July 1st, ’44: ‘I’ve come to Kiev for two days…” So at least it appears he may have been in Czernowitz a week earlier. A bit later in my book I mention PC translating Simonov. What a story in the making!”

41VP9Q8JHNL

Just imagine how exciting it was for me, to get such an encouraging feedback! Provided that my guess is correct, we might have identified another small piece of the puzzle related to the genesis of Paul Celan’s “Todesfuge”! But who can confirm it? – Back to you, Czernowitzers!